Wilhelm von Frerichs – Ode an die Ostwand

Die Ostwand.

Die Ostwand des Großen Watzmanns ist unstreitig die großartigste seiner Fassaden. Topographisch betrachtet zerfällt sie in zwei scharf gesonderte Teile : Der nördliche entragt dem Watzmanngletscher und fußt auf dem Nordabhange des mächtigen Anbaues, der sich in Gestalt der Watzmannkinder und des Kleinen Watzmanns unterhalb der Mittelspitze aus dem Massiv loslöst. Die relative Höhe dieses Abschnittes, vom Scheitel des Grates Hocheck — Mittelspitze bis zum Geröll und dem schmutzigen Firn des Watzmanngletschers gemessen, schwankt zwischen 500 und 600 m. Auffallende Schichtbänder durchziehen diese durch Glätte und Schroffheit gekennzeichnete Wand. Der südliche Teil der Ostwand zeigt gewaltigere, riesenhafte Dimensionen. Mehr als 1900 m mißt der Absturz vom Kreuz der Mittelspitze bis zum Geröll des Eisbachtales, bis zum gewölbten Gletschertor der Eiskapelle.

Von dem Winkel der anstoßenden Südwand der Watzmannkinder bis zu einer großen, aus dem Südgrat der Schönfeldspitze sich lösenden Rippe reicht die eigentliche Ostwand. Schon eine oberflächliche Betrachtung lehrt, daß der Charakter ihrer Struktur ein mannigfaltiger ist und daß sie sich ungezwungen von oben nach unten in drei Zonen zerlegen läßt, deren jede ein anderes Gepräge zeigt.

Den Unterbau bilden die ungeschichteten Massen des Ramsaudolomites. Sie zeigen wechselnde Neigung, bald ungangbare Abbrüche, bald weniger jähe Böschungen, welche teilweise mit Graswuchs bedeckt sind, letztere namentlich in der Fallinie unter der Südspitze.

Darüber lagert ein in gleichmäßiger Schroffheit das ganze Massiv durchsetzender Mauergürtel, der, aus Dachsteinkalk bestehend, keine von weitem wahrnehmbare Schichtung besitzt; seine Höhe ist eine wechselnde, im Durchschnitt vielleicht 300 m betragend. In der Mitte der Ostwand dagegen vereinigt sich sein Steilabfall mit den darunterliegenden Abbrüchen des Sockels zu einer Wand von gewaltiger Ausdehnung, Diese Zone bildet, auf welcher Route man auch die Besteigung unternimmt, das Haupthindernis der Tour.

Der oberste Abschnitt ist ausgezeichnet durch die stark ausgeprägten parallelen Linien der Schichten des Dachsteinkalkes, die sanft nach Süden ansteigen. Es finden sich zahlreiche Bänder, unter ihnen namentlich im unteren Teil der Zone einige von beträchtlicher Breite und nur wenig unterbrochenem Verlauf. Da die Schichten nach Nordosten einfallen, so hat die Oberfläche eines solchen Bandes meist die Gestalt einer schräg nach außen abfallenden Platte. Neben steilen Wänden, die absatzlos die Schichtung nur an der Färbung erkennen lassen, finden sich auch einige eingerissene Rinnen, unter denen besonders diejenige erwähnenswert ist, welche ungefähr in der Mitte des Grates, nahe der Stelle, wo sich die Mittelspitze aus ihm steiler erhebt, mündet. Diese Rinne wird von den Partien benützt, welche von der Eiskapelle unter Vermeidung der Schönfeldspitze dem Hauptgipfel zustreben.

Zu erwähnen sind noch einige größere Terrassen, die zum Teil karartig in die Wand eindringen: eine solche befindet sich ziemlich senkrecht unter der Mittelspitze und trennt hier die unterste Zone von der mittleren. Ihr bergwärts ansteigender Boden ist meist das ganze Jahr hindurch von Lawinenresten bedeckt, die abschmelzend den Übertritt auf die Felsen der mittleren Wandstufe erschweren.

Ferner befinden sich unter der Südspitze in drei Stockwerken übereinander liegende Einbuchtungen, von denen namentlich die unterste zu den am wenigsten steilen Flächen der Wand gehört, während über dem höchsten Kar der erwähnte mittlere Mauergürtel sich besonders glatt und jäh aufrichtet.

Die Ostwand biegt an der als ihr Ende bezeichneten Rippe nach Süden um und verläuft in die Südostwand, welche, vom Südgrat begrenzt und dem Verlauf des steil ansteigenden Eisbachtales folgend, eine nach Süden stets abnehmende Höhe zeigt. Ihre oberen Teile fallen durch gewaltige Plattenpanzer auf, die tieferen Regionen gehören dem Gebiet des bröckeligen Dolomits an und sind abwechselnd bald sanfteren, bald wilden Charakters. An der Südseite der großen Rippe ist  eine Schlucht eingefügt, welche nach oben in Wände verläuft.

Der erste, der es wagte, über diese unwegsamste Seite des Watzmanns sich den Pfad zu suchen, war der talentvolle Ramsauer Führer Joseph Berger, Hermann von Barths Begleiter auf den Grundübelhörnern. Er wählte zur Erkletterung den niedrigeren nördlichen Teil der Ostwand. Gemeinschaftlich mit Kederbacher führte er im Jahre 1868 A. Kaindl und J. Pöschl vom Gletscher auf die Mittelspitze.

Diese Tour ist fast in Vergessenheit geraten. Erst 32 Jahre später wurde sie durch Georg Leuchs, Otto Schlagintweit und den Verfasser wiederholt.

Wer im Watzmannhause übernachtet, um die Mittelspitze vom Gletscher aus zu erklimmen, sieht sich in die unangenehme Lage versetzt, am anderen Morgen einen nicht unbeträchtlichen Teil der bereits erlangten Höhe wieder aufzugeben. Bis zur Falzalm muß er zurück und von dieser auf dürftigem Steige hinuntersteigen zum block- und latschenbedeckten Boden der Watzmannscharte, fast 400 m unterhalb der Unterkunftshütte. Dies ist die große Schattenseite des schönen Weges, die sich jedoch vermeiden läßt, wenn man auf die Annehmlichkeiten eines Nachtlagers in dem Watzmannhause verzichtet und entweder vom Tal aus aufbricht oder in der gut eingerichteten Hütte der Mitterkaseralm die Nacht verbringt. In diesem Falle kann man ohne nennenswerten Höhenverlust den die Mitterkaseralm mit der Kührointalm verbindenden Weg bis zum Beginn des Kars zwischen dem Großen und dem Kleinen Watzmann benutzen. Dann freilich gilt es noch einen kleinen Kampf mit Krummholz und Felstrümmern, ehe man das Eis des Watzmanngletschers betreten kann. Über Firnhalden und herausgeaperte Platten strebt man dem Grate zu, welcher das Massiv der Mittelspitze mit den Watzmannkindern verbindet. Diesem folgt man ein kurzes Stück aufwärts, um ihn zu verlassen, bevor er sich mit ungangbaren Steilstufen der Ostwand anschließt. Ein Schichtband erlaubt den Übertritt auf die Südseite des Grates und leitet weiter zu den Felsmauern des Massivs. Einige Schritte auf dem plattig abfallenden, mit rutschenden Blöcken bedeckten Bande, und man steht mit einem Schlage mitten in der wilden Einöde der großen Wand. Aus gewaltiger Tiefe klingt das verschwommene Rauschen des Eisbaches, schimmert der Schnee der Eiskapelle, nach oben türmt sich Absatz auf Absatz hoch empor zum Gipfelkreuz der Mittelspitze, während rings erdrückend hohe Wände den Blick beengen. Es ist dies der eindrucksreichste Augenblick der Besteigung. Man folgt dem Bande, bis es durch eine tiefe Schlucht abgeschnitten wird, welche, in den Gipfelkörper eingerissen, sich bis zur Spitze hinanzieht. An der Kante der die Schlucht begrenzenden Seitenwände klettert man höher hinauf zu einem Schärtchen hinter einem Felskopf, gekennzeichnet  durch eine gelbe Felsplatte, die durch Regen- und Schmelzwasser seltsam zersägt ist. Von hier aus kann man auf dem Gesimse einer Schichtfläche in die Schlucht selbst hineinqueren und an deren rechter Seitenwand, höher oben meist in ihr selbst, unmittelbar zum Gipfel gelangen.

Vom Watzmannhause ausgehend, wird man – die Rasten nicht eingerechnet – nach ungefähr 4 ½  Stunden die Mittelspitze betreten. Die Kletterei ist von mittlerer Schwierigkeit; der Einblick in die Felsbildung der Ostwand ist großartig.

Das schönste Problem am Watzmann zu lösen, blieb Kederbacher Vorbehalten : die Durchkletterung der Riesenwand von der Eiskapelle aus.

Am Peter- und Paulstag des Jahres 1881 wurde der erste Versuch gemacht.

Mit Preiß und den Herren Pöschl und Wairinger aus Wien (Mündliche Angabe von Kederbacher und Preiß) verließ er St. Bartholomä ½ 2 Uhr morgens. Sein Plan war der: Zunächst sollte über die Südwand der Watzmannkinder der Gletscher und von diesem aus auf dem vom Jahr 1868 her bekannten Wege die Mittelspitze erreicht werden. Zunehmende Schwierigkeiten sowie ein Gewitter zwangen die Expedition unverrichteter Dinge umzukehren. Die durch den Regen entfesselten Steinfälle brachten auf dem Rückwege manche Gefahr. Erst 7 Uhr abends wurde St. Bartholomä wieder erreicht. Preiß erzählte mir, er halte auf der versuchten Route ein Durchkommen nicht für möglich.

Im selben Jahre noch gelang es der Energie Kederbachers, die schwierige Aufgabe zu lösen. Eine eingehende Rekognoszierung von der Saletalm und vom Eisbachtale aus hatte den leitenden Faden in dem ungeheuren Felschaos gezeigt. Am 6 . Mai führte er Otto Schück aus Wien auf die Mittelspitze.

Eine kurze Schilderung der Route in großen Zügen ist vielleicht am Platze; die vielen Einzelheiten können hier freilich nicht berücksichtigt werden.

Das erste Ziel ist das kleine Kar unter der Mittelspitze (Siehe Seite 305) das mit einem Ausweichen nach rechts (nordöstlich, in die Südwände der Watzmannkinder) erklettert wird, da der direkte Anstieg zu schwer, vielleicht nicht möglich sein würde. Wenn die Randkluft der Eiskapelle es gestattet, steigt man am besten vom obersten Ende des Schnees in die Felsen ein und klettert nach rechts schräg aufwärts, bis man den Beginn glattgescheuerter Wasserrinnen erreicht. Ist im Herbst die Kluft oben unpassierbar, so betritt man die Felsen vom unteren Beginn der Eiskapelle aus und hält sich dann etwas mehr links, um zu den Rinnen zu gelangen. Durch die rechtsgelegene (östliche) Schlucht klettert man schwierig auf und quert dann nach links hinüber in das Kar, das man oberhalb seines Beginnes betritt (unteres Ende ca. 1400 m). Das Kar verfolgt man aufwärts bis zu seinem Abschluß durch den Felswall des mittleren Mauergürtels, überschreitet die Randkluft, erklettert einige Platten und eine sehr steile Wand, um so in eine schräg nach rechts (Norden) hinaufziehende Schlucht zu gelangen. Die Erkletterbarkeit dieser Rinne und ihrer Absätze ist sehr von den Schneeverhältnissen abhängig; sie scheint zu Zeiten, wenn die Schneereste stark abgeschmolzen sind, nicht möglich zu sein.

In die Wände zur Linken (südlich) münden die drei untersten Bänder der oberen Zone.

Über die Platten und Wände der Schlucht dringt man vor bis zu einer Nische unter einem großen Überhang (ca. 1700 m). Hier verläßt man die große Rinne und wendet sich, südlich in etwas absteigender Richtung querend, den mittleren der erwähnten Bänder zu — das erste bricht mitten in der Wand ab — und verfolgt dieses, wobei man gleich anfangs ausgesetzt über sehr glatten Fels queren muß. Durch ein natürliches Felstor kann man das nächsthöhere Band erklimmen und sucht nunmehr die oben besser gestuften Felsen zu erreichen, wobei in den ausgedehnten, die Orientierung erschwerenden Wänden manche Variante möglich ist. Am besten wird man vorwärts kommen, wenn es gelingt, in eine aus der tiefsten Scharte des Hauptgrates herabziehende Rinne zu gelangen. Will man direkt zur Südspitze aufsteigen, so kann man auch das schmaler und luftiger werdende Band weiter benützen, bis es abbricht und sich 8 m tiefer fortsetzt. Man läßt sich am Seile hinab und quert weiter zu einer Rinne, an deren rechten Begrenzungswänden man hinaufklettert, um schließlich den Hauptgrat nördlich der Schönfeldspitze zu betreten.

Zur Würdigung der Tour und ihrer Schwierigkeit will ich Purtschellers Worte anführen: „Die Erklimmung des Großen Watzmanns von St. Bartholomä gehört zu den bedeutendsten und interessantesten Besteigungen, die im Bereich der Ostalpen ausgeführt werden können. Würden die Berge Berchtesgadens dem eigentlichen Hochgebirge beizuzählen sein und der Sockel des Gebirges um einige hundert Meter höher liegen, so könnte man diese Besteigung unzweifelhaft mit den größten Hochtouren in der Schweiz, in den italienischen Alpen und im Dauphine vergleichen.“ Ich glaube, daß diese Sätze auch heute noch die Erklimmung „dieser wohl höchsten durchkletterten Felswand der Alpen — 1800 m Kletterterrain —“ trefflich kennzeichnen. Gerade die lange Dauer der Arbeit, die fortgesetzt zu überwindenden, mehr oder minder großen Schwierigkeiten, die nicht immer leichte Orientierung, sowie schließlich die — im Vergleich mit einer kürzeren Tour — gesteigerte Gefahr eines Wetterumschlages rücken in mancher Beziehung diese Bergfahrt in eine Linie mit Schweizer Hochtouren und erheischen ein größeres und vielseitigeres Maß alpinen Könnens, als etwa eine durchweg sehr schwere, aber  kurze Dolomittour. Alle diese Faktoren zwingen dazu, die Ostwand des Watzmanns als sehr schwierig zu bezeichnen, obschon sich bedeutendere Schwierigkeiten nur an einigen Punkten des mittleren Mauergürtels vorfinden. Starkes Abschmelzen des Schnees oder durch die Verhältnisse bedingtes Abweichen von der gewöhnlichen Route vermehren natürlich die Hindernisse um ein sehr beträchtliches.

Von der Eiskapelle aufbrechend, wird man im allergünstigsten Falle acht Stunden bis zum Gipfel brauchen; im Durchschnitt wird der Zeitaufwand elf bis zwölf Stunden betragen, und befindet sich der Berg in schlechtem Zustande, noch erheblich mehr. (So brauchten Erwin Hübner und der Verfasser am 15. Juni 1896 vom Einstieg bis zur Südspitze ­16 Stunden, da sie die Wände über dem Kar wegen herabstürzender Wassermassen auf neuem, schwierigerem Wege erklettern mußten. Albrecht von Krafft, Wilhelm Teufel und Frau Friedmann benötigten von einem Biwak zwischen der Eiskapelle und dem Kar mehr als 14 Stunden bis zum Grat, wo sie durch ein Gewitter zu einem zweiten Freilager gezwungen wurden. Diese Ersteigung verteilt sich auf den 3., 4. und 5. August 1896.)

Steinfall ist leider stets zu befürchten, doch ist die Gefahr bei trockenem Wetter keine sehr dringende.

Ein Versuch Purtschellers, mit Kederbacher am 28. Oktober 1883 das Unter Unternehmen ­zu wiederholen, mißglückte. Alle Angriffe auf die Steilwände der großen Rinne blieben, da die Schneereste fast ganz geschwunden waren, erfolglos.

Zwei Jahre darauf, am 12. Juni 1885, führte ihn Preiß in der verhältnismäßig kurzen Zeit von elf Stunden von St. Bartholomä aus auf die Südspitze, ohne vorher durch Rekognoszierung sich mit der ihm unbekannten Route näher vertraut gemacht zu haben. Purtscheller zollt seinem wackeren Führer warmes Lob.

Der dritte Tourist auf diesem Wege war Gottfried Merzbacher, der in den oberen Partien einen abweichenden, schwierigeren Weg einschlug. Ihn begleiteten Kederbacher und Preiß, da Kederbacher, der das Mißlingen des mit Purtscheller unternommenen Versuches dem Fehlen eines dritten Mannes zuschrieb, die Tour nur noch in Gesellschaft eines zweiten Führers machen wollte.

(Die erste führerlose Begehung der Ostwand gelang Albrecht von Krafft und Ernst Platz im Sommer 1895. Am 15. Juni 1896 fanden Erwin Hübner und der Verfasser eine Abweichung vom gewöhnlich benutzten Wege auf, indem sie die Erkletterung der mittleren Zone in den Wänden nördlich der großen Rinne durchführten, diese überschritten und so das oberste der drei großen Bänder erreichten. Diese Route hat den Vorzug, über reinen Fels zu führen und nur in Bezug auf die Randkluft des Kars vom Schnee abhängig zu sein.)

Das Jahr 1890 brachte wieder einen Versuch, der mit dem Untergang eines ausgezeichneten Bergsteigers, Christian Schoellhorns, endete. Er verlor auf den Platten über dem kleinen Kar den Halt und stürzte in die 70 m tiefe Randkluft zwischen Schnee und Fels.

Alpines Rettungswesen – Die Ereignisse in der Watzmann-Ostwand vom 4. bis 8. Januar 1937

Mitteilungen des deutschen und österreichischen Alpenvereins

1937, S. 30 ff

Zum Geschehen am Watzmann

Die Ereignisse in der Watzmann-Ostwand vom 4. bis 8. Januar 1937

Bericht von Richard Siebenwurst, Leiter der Landesstelle Bayern für alpines Rettungswesen.

Am 4. Januar erscheint in der Geschäftsstelle der Landesstelle Bayern für Alpines Rettungswesen des D. u. O. A. V. Frau V. und macht folgende Angaben:

Ihr Sohn und sein Onkel, beide namens Franz Frey aus München, sind am Donnerstag, den 31. Dezember 1936, abends von München weggefahren nach Berchtesgaden, um in den Tagen vom 1., 2. und 3. Januar die Watzmann-Ostwand zu durchsteigen. Sie wollten am Sonntag, den 3. Januar, abends, bestimmt wieder in München sein. Ein Vetter der beiden Vermißten ist zwecks Rücktransports der Schier mitgefahren und am Sonntag abends in München allein eingetroffen.

Das am 2. Januar abends eingetretene schlechte Wetter ließ die Möglichkeit eines Unfalles als sehr wahrscheinlich erscheinen, und wir gingen deshalb sofort daran, eine größere Expedition in die Wege zu leiten. Sofortige telephonische Rücksprache mit dem Obmann der Rettungsstelle Berchtesgaden, Herrn Aschauer, ergab folgendes Bild:

Freys sind am Donnerstag 0.30 Uhr in Königssee eingetroffen, übernachteten dort im Hotel Königssee und wollten mit dem ersten Boot um 6 Uhr nach Bartholomä übersetzen. Das erste Boot ging jedoch erst um 11 Uhr.

Gegen Mittag stiegen sie mit Schiern gegen die Eiskapelle an. Nachdem die Schier nicht mehr verwendet werden konnten, kehrte der oben erwähnte Vetter mit drei Paar Schiern nach Berchtesgaden zurück.

Am selben Tag um 23.30 Uhr beobachtete der Forstwart Kellersberger von Bartholomä aus in dem Wandgürtel, der oberhalb der Eiskapelle ansetzt und hinaufzieht bis zum sogenannten Kar, das Hinunterfallen einer Laterne. Er eilte sofort zur Eiskapelle, begann dort zu rufen, mußte aber ohne Antwort wieder zurückkehren.

Berechtigterweise verständigte er die Alpine Rettungsstelle Berchtesgaden, die sofort drei Führer aussandte, um den anscheinend Verunglückten zu Hilfe, zu kommen. Entgegen dieser Annahme war jedoch kein Unfall geschehen; im Gegenteil. Die drei Führer sahen die beiden Frey aufwärts steigen gegen die Schöllhornplatte, und sie riefen ihnen mehrmals zu, doch umzukehren, da das Wetter schlecht werde. Diese Warnungen wurden von den beiden Frey jedoch nicht beachtet und sie stiegen weiter. Sie wurden von da ab von Bartholomä aus ständig beobachtet, bis sie in der Gegend der Schöllhornplatte am Samstagabend ihr zweites Biwak bezogen. Am Sonntag stiegen sie über den ersten Teil des dritten Bandes weiter und von dort, wo es plötzlich abbricht, hinauf auf das vierte und fünfte Band. Das war der Stand am Montag um 11 Uhr. Eine neuerliche Anfrage in Bartholomä

selbst ergab nichts Neues. Der starke Neuschneefall und das schlechte Vorwärtskommen der Bergsteiger veranlaßte mich zu folgenden Schritten, die ich mit dem Obmann der Rettungsstelle Berchtesgaden, Aschauer, gemeinsam besprochen hatte: Ein Zuhilfekommen war bei der augenblicklichen Sachlage weder von unten noch von oben her möglich. Als einziges käme ein Versuch in Betracht, den beiden mittels Flugzeuges Ausrüstungsgegenstände und Verpflegung abzuwerfen. Wir waren uns darüber im klaren, daß dies infolge des Baues der Wand vielleicht beim Versuch bleiben müßte. Wir sahen aber keine andere Möglichkeit, sofort etwas zu unternehmen. Das Flugzeug wurde uns auch sofort von der Übungsstelle Oberwiesenfeld durch Herrn Major Braun mit dem Piloten Neininger, dem Leiter der Übungsstelle, zur Verfügung gestellt. Ich selbst flog mit vier Päckchen Ausrüstungsgegenständen, Inhalt: Meta, Sturmzündhölzer, ein Zeltsack, Benzin für Primuskocher, Wolldecke, nach Ainring bei Freilassing. Dort tauschte ich mit Aschauer, der vier Lebensmittelpakete mitbrachte, den Platz. Aschauer ist einer der besten Kenner der Watzmann-Ostwand und sollte deshalb das Abwerfen besorgen. Vorsorglich wurde aber in München eine Gruppe, bestehend aus den besten Bergsteigern, zusammengestellt. Um 13 Uhr flog ich von München ab. 13.40 Uhr war ich in Ainring;‘ um 15.30 Uhr konnte ich bereits den ersten Blick durch das Fernglas in Bartholomä tun. Ein Sonderboot war bereits von Berchtesgaden aus bestellt. Die in Bartholomä angestellten Beobachtungen über den Standort der beiden waren für das weitere Beginnen der Expedition von großer Bedeutung. Ich fuhr zurück nach Berchtesgaden, um dort zusammen mit Aschauer die inzwischen eingetroffene Expedition aus München mit Berchtesgadnern zusammenzustellen und zu instruieren. Das Jägerregiment 100 von Reichenhall hatte sich erboten, einige gute Leute abzustellen, und, so setzte sich die Expedition zusammen (außer mir) aus acht Münchnern: Göttner, Gramminger, Dr. v. Kraus, Peidar, Nosenschon, Ruder, Schmaderer, Steinberger, den zwei Berchtesgadnern Aschauer und Kurz und drei Reichenhaller Jägern.

Zur Zeichengebung hatten wir vereinbart: Auf der Wiese bei Bartholomä werden im Bedarfsfall aus Brettern Buchstaben ausgelegt oder Leuchtraketen abgeschossen. „L“ oder Grün bedeutet: „Links absteigen.“ „R“ oder Rot bedeutet: „Rechts absteigen“ im Sinne des Abstieges. „S“ oder Rauchfeuer heißt „Stopp, Expedition abbrechen“. „A“ bedeutet: Freys sind im Abstieg. Rauchfeuer oder Rot im Wimbachtal heißt „abbrechen“.

Um 20.45 Uhr begann in Wimbachbrücke die Verteilung von Verpflegung und Ausrüstungsgegenständen und kurz darauf setzte sich die Gruppe mit schweren Rücksäcken in Marsch, Richtung Wimbachgriesalm.

5. Januar: Königssee infolge Eisbildung nicht schiffbar. Ankunft dort daher erst um 10 Uhr. Ich konntegerade die ersten unserer Leute den Gipfel betreten sehen.

Ohne daß wir von Bartholomä aus etwas Besonderes beobachten konnten, spielte sich dort oben folgendes ab:

In der tiefsten Einsenkung zwischen der Südspitze des Watzmanns und dem nächsten markanten Felskopf wurde ein Mann senkrecht in die Ostwand abgeseilt, um nach den beiden Vermißten zu suchen. Da der erste Trupp unserer Leute sich auf dem Felskopf aufhielt, legten wir das Zeichen „A“. Wir konnten die beiden Frey immer noch weiter beobachten, wie sie auf dem fünften Band aufwärts stiegen und um 13.30 Uhr eine Felsstufe erreichten, an der sie sich später zur Beiwacht rüsteten. Einbruch von Nebel hinderte uns an weiteren Beobachtungen. Die Rettungsmannschaft auf dem Gipfel konnte trotz lautesten Rufens (13 Mann auf einmal) keine Antwort von den beiden vernehmen. Man mußte mit Bestimmtheit annehmen, daß die Rufe absichtlich nicht beantwortet wurden, denn das Wetter war völlig klar und ziemlich windstill.

Später gaben die beiden Frey auch zu, daß sie die Rufe nicht nur gehört, sondern auch unsere Leute am Grat oben gesehen, absichtlich aber nicht geantwortet hätten. Zugleich kreiste ein Flugzeug mehrere Stunden über der Watzmann-Südspitze und erschwerte außerordentlich eine Verständigung zwischen den Vermißten und der Rettungsmannschaft. Am Gipfel stellte sich heraus, daß infolge der ungeheuren Schneemengen, die in der windgeschützten Ostwand angeweht auf den steilen Bändern lagen, ein Tiefergehen in die Wand nur mit dreifacher Seilsicherung gewagt werden konnte. 320 m Seil, darunter einige Reepschnüre, waren vorhanden. Doch das war bei weitem nicht ausreichend. Die Mannschaft entschloß sich daher, auf dem Gipfel in einer Schneehöhle zu biwakieren; drei Mann stiegen nach Wimbachgriesalm ab, um neue Seile zu holen. Ich entsandte einen Boten zur Wimbachgriesalm, um Nachricht von dort zu erhalten. Am Abend erhielt ich durch diesen Boten nachstehenden Bericht von Aschauer:

„Griesalm 6.15 Uhr ab, noch dunkel am Einstieg zum Schönfeld. Zuerst sehr schlechte Schneeverhältnisse, später weiter oben recht gut. Auf dem Gipfel der Südspitze an 10.03 Uhr! Trotz unserer Rufe (13 Mann gleichzeitig aus Leibeskräften!) keine Antwort aus der Wand. Um 13.15 Uhr wurden die beiden Freys , zufällig etwa 430 m unterm Gipfel vom Grat aus gesichtet. Sie riefen aber nicht um Hilfe! Sie verlangten nur nach Essen. Um 14 Uhr wurde vom Grat aus der Abstieg in die Wand begonnen (Göttner). Er stieg an sechs zusammengeknüpften Seilen etwa 180 m in die Wand ab. Später folgte mit dreimal 50 m Reepschnur Schmaderer. Leider war es bei Beginn des Abstieges sehr neblig, so daß nur noch sehr schlechte Rufverbindung bestand. Als das Wetter ganz zum Schlechten umschlug (es schneite leicht und Eisregen ging nieder), wurden zum einzigen Male Hilferufe gehört. Die Freys befanden sich da auf einem Band, über dem sich eine etwa 25 bis 30 m hohe, senkrechte Wand ausbaut. Leider gelang es Göttner und Schmaderer nicht mehr, auf dieses Band hinabzukommen. Um 15.45 Uhr gaben Göttner und Schmaderer Signal zum Heraufziehen. Damit waren für den heutigen Tag die Rettungsaktionen abgebrochen. Ich entschloß mich daher, sofort mit Kurz Sepp und Schweiger zur Griesalm abzusteigen. Am Grat ab 16.15, Griesalm an 17.40 Uhr. Der Abstieg war schlecht, sehr neblig und schon dunkel.

Hier im Wimbachtal regnet es. Die Wetteraussichten für morgen sind sehr schlecht. Alle anderen (10 Mann) biwakieren in einer lehr schönen Schneehöhle auf dem Gipfel. Ihr könnt ganz unbesorgt sein. Morgen früh steigen wir mit etwa 120 bis 150 m. Seil wieder auf. Vielleicht gelingt es doch noch!“

Dieser Bericht erhellt die ganze Lage!

6. Januar : Um 11 Uhr entdecke ich von Bartholomä aus die beiden Frey, die bisher noch nicht gesehen worden waren, etwas rechts in der Fallinie des Gipfels, wie sie sich in tiefem Schnee mühsam aufwärts mühen. Von unseren Leuten ist infolge des Nebels bis jetzt nichts zu sehen gewesen; auch beim Weichen des Nebels können wir niemand auf dem Gipfel entdecken. Um 12 Uhr schicke ich wieder einen Boten nach Wimbachgries, um dort Nachschau zu halten, ob unsere Leute etwa umgekehrt seien. Ich hege die ärgsten Befürchtungen. Von Bartholomä aus ist deutlich zu sehen, wie haushohe Schneefahnen über den Grat hinwegziehen. Das Wetter war die ganze Nacht über schlecht gewesen. In Berchtesgaden regnete es in Strömen und ich konnte nur annehmen, daß entweder einem oder mehreren unserer Leute etwas zugestoßen sei oder daß ein Aufenthalt unserer Leute infolge des wahnsinnigen Sturmes auf dem Gipfel überhaupt unmöglich war, sollten nicht weitere Menschenleben gefährdet werden. Ich fahre zurück nach Königssee. Dort erreicht mich ein fernmündlicher Anruf Aschauers, der mit der ganzen Mannschaft die Expedition abgebrochen hatte. Von Tagesgrauen ab war eine Stunde lang versucht worden, noch vom Gipfel aus mit den beiden in Verbindung zu kommen. Eine Verständigung konnte nicht erzielt werden.

Der Sturm wurde immer heftiger, und die Rettungsmannschaft nahm an, daß die beiden nicht mehr am Leben seien. Denn es erschien auf dem Gipfel als unmöglich, daß jemand eine fünfte Beiwacht bei diesem Wetter durchhalten könnte. Außerdem hatten sich verschiedene Rettungsmänner schon Erfrierungen zugezogen, so daß höchste Eile für den Rückzug geboten erschien. Niedergeschlagen über den Mißerfolg traf ich unsere Leute in Wimbachbrücke. Doch als ich ihnen erklärte, daß wir bis 13.30 Uhr die beiden noch beobachtet hätten, daß sie vorwärts drangen, leuchtete neue Hoffnung in ihren Augen auf.

Unterdessen hatte sich der Reichskanzler Hitler durch Brigadeführer Schaub für die ganze Sache interessiert, und die Frage, ob wir etwas brauchen würden, hatte Aschauer in richtiger Erkenntnis der Sachlage damit beantwortet, daß wir 50 Soldaten, 500 m Seil, Zelte und andere Ausrüstungsgegenstände benötigen. Nur mit dieser Hilfe könnte ein nochmaliger Versuch gemacht werden.

Bereits mittags hatte ich bei den Gebirgsjägern in Reichenhall Funkgeräte angefordert, die eine Verbindung herstellen sollten zwischen Wimbachgriesalm und Berchtesgaden. Um 16 Uhr rückten unsere Leute wieder zur Wimbachgriesalm ab, um einen letzten Versuch am nächsten Tage trotz des schlechten Wetters zu wagen. Es schneit unaufhörlich, im Tale regnet es; alle sind durchnäßt; doch ohne eine Silbe der Widerrede geht jeder erneut ans Werk. Um 19 Uhr trifft Oberleutnant Raithel mit 44 Mann und den ganzen Geräten ein; in ¼ Stunde ist alles eingeteilt. Ein Geländewagen wird noch angefordert zum Nachliefern von Verpflegung, und um 20 Uhr marschieren 36 Mann unter Führung von Oberleutnant Raithel nach Wimbachbrücke. Acht Mann sollen für den Nachschub von Lebensmitteln sorgen. Um 20 Uhr ist die Funkverbindung zwischen Wimbachgries und Berchtesgaden hergestellt. Der Empfang in Berchtesgaden ist aber sehr schlecht, so daß wir umbauen und die Station nach Wimbachbrücke verlegen. Dort ist der Empfang besser, und wir hoffen, morgen eine günstige Verbindung zu bekommen. Zwei Mann habe ich noch auf die Watzmannkindscharte geschickt, die mir um 23 Uhr folgenden Bericht brachten: „Wir sind bis 22 Uhr auf der Watzmannkindscharte gewesen, infolge des wahnsinnigen Sturmes konnten wir aber gar nichts ausrichten.“

Der Zweck dieser beiden Posten war, die beiden Frey durch ihre Anwesenheit wissen zu lassen, daß wir uns noch um sie bemühen und daß sie durchhalten müßten bis morgen früh. Unsere Stimmung ist gedrückt und ich habe wenig Hoffnung. Zwei Voraussetzungen müssen unbedingt erfüllt sein, wenn wir die beiden noch retten wollen: Das Wetter muß besser werden, damit unsere Leute auf den Gipfel kommen, und die beiden Frey müssen diese Nacht noch überstehen.

Es ist alles genau eingeteilt. Die Mannschaft geht morgen einigermaßen gestärkt ans Werk, denn sie braucht kein Gepäck zu tragen und hat eine verhältnismäßig gute Nacht hinter sich. Die Soldaten müssen die Nacht opfern und das gesamte nötige Gerät muß bei Ankunft unserer Leute bereits auf dem Gipfel greifbar sein. Ferner ist im sogenannten Schönfeld ein Depot zu errichten, das den Rückzug sichern soll. In dieser Nacht finde ich keine Ruhe.

Wird es noch gelingen? Werden die beiden durchhalten? Hoffentlich stößt unseren Leuten nichts zu. Das sind meine Gedanken!

In aller Frühe bin ich auf den Beinen, nehme von der Zentrale aus in Berchtesgaden Verbindung auf mit Bartholomä, mit Wimbachbrücke, mit Wimbachgriesalm, mit Kührointalm; von überall her gleich schlechte Nachrichten: Es stürmt und schneit unaufhörlich. Nach bangen Stunden, um 9.55 Uhr, erhalte ich von Kellersberger (Bartholomä) die Mitteilung, er habe eben drei Mann auf dem Gipfel gesichtet. Gottlob, das Schicksal scheint mit uns zu sein. Weiter ist nichts zu beobachten. Um 10.45 Uhr wiederum Anruf von Bartholomä: Ein Mann hat sich in die Ostwand abgeseilt und steht unmittelbar über den beiden Frey, die nunmehr auch gesichtet sind. Sie sind noch an ihrem selben Standort wie gestern nachmittag. Die unglaublichen Schneemassen machen ein Weiterkommen nach oben unmöglich. Ich bitte Kellersberger, mit Brettern einen senkrecht nach unten deutenden Pfeil zu legen, um die Mannschaft oben darauf aufmerksam zu machen, daß die Gesuchten direkt unter ihnen sind, denn scheinbar ist die Sicht von oben aus durch überhangende Felswände gesperrt. Um 12 Uhr erhalte ich von Kühroint die Nachricht, daß der Posten auf der Watzmannkindscharte die beiden Frey noch von einer halben Stunde gesehen habe, und ein Mann unserer Mannschaft sei nur noch auf Seillänge von ihnen entfernt.

Die beiden Frey gaben Hilferufe, nachdem sie den Posten auf der Watzmannkindscharte gesehen hatten, und diese Rufe wurden von oben beantwortet. Nun besteht für uns keine Ungewißheit mehr; es wird gelingen! Gleich darauf ruft Bartholomä an: Kellersberger teilt mit, daß er statt eines Mannes, der sich abgeseilt habe, plötzlich mehrere sehe. Das fast unmöglich Scheinende ist Wahrheit geworden. Unsere Mannschaft ist zu den beiden gelangt.

Nun handelt es sich nur mehr darum, daß der Grat erreicht wird und anschließend die Wimbachgrieshütte. In stundenlanger Aufseilarbeit wurden die beiden nach einer kurzen Stärkung zum Gipfel gebracht, dort in der Biwakhöhle nochmals mit Tee und leichten Nahrungsmitteln verpflegt; dann begann der Abstieg.

Die Funkverbindung nach Wimbachgriesalm ist leider unterbrochen. Also zur Wimbachgriesalm. Ich lasse mich nicht mehr halten. Der Führer stellt uns seinen Geländewagen zur Verfügung. Wir fahren ein gutes Stück hinauf und haben nur eine halbe Stunde zu gehen zur Wimbachgriesalm. Dort ist eben ein Teil der Mannschaft mit dem jüngeren Frey eingetroffen. Der ältere ist mit den anderen noch auf dem Abstieg. In der Hütte herrscht ein toller Betrieb. Der Fußboden schwimmt. Überall hängen vollständig durchnäßte Kleidungsstücke und in der Küche ist man bereits dabei, die erfrorenen Füße des einen mit Schnee zu behandeln. Eine halbe Stunde später treffen die Leute mit dem zweiten Frey ein, und jetzt erst atme ich beruhigt auf. Die Lawinentätigkeit war während des ganzen Tages und der vorhergegangenen Nacht schon sehr rege gewesen und es ist wie ein Wunder zu bezeichnen, daß kein weiteres Unglück passiert ist. Der Sturm hält oben unvermindert an. Die Anoraks unserer Leute knistern wie Blech, steif gefroren; alle sind vollkommen durchnäßt. Die gesamten Seile, die Zelte, alles, was oben benötigt wurde, mußte zurückgelassen werden; denn der letzte Teil des Abstieges mußte bereits in der Dunkelheit zurückgelegt werden. Um 18.15 Uhr erst trifft der letzte Mann ein. Das Rettungswerk war gelungen.

Trotz aller üblen Begleiterscheinungen strahlte die Freude aus den Gesichtern unserer Leute, und so wurde am nächsten Tage der noch sehr anstrengende Transport auf einem Körnerschlitten durch metertiefen Schnee gern durchgeführt. Am 8. Januar um 14 Uhr erreichte der Transport Wimbachbrücke; dort erwartete die beiden Frey das Sanitätsauto, das sie um 20 Uhr in München in der Chirurgischen Klinik einlieferte.

Fünf bange Tage und Nächte voll Anspannung, körperlich und seelisch, lagen hinter uns; doch leuchtete uns allen ein Bild vor Augen: Wir haben zwei in Todesgefahr Befindliche dem Leben erhalten.

Kritische Betrachtung. Es ist nicht in der Art und im Wesen eines Rettungsmannes gelegen, zu fragen: Wem sollst du zu Hilfe eilen, wo sollst du zu Hilfe eilen? Was sind die Motive für des anderen Tun ?Wir helfen immer und stets! Und doch wird des öfteren die Frage an uns gestellt: War dieses Beginnen der anderen nicht leichtsinnig? Ist es richtig, wegen des Leichtsinnes anderer soviel Menschenleben aufs Spiel zu setzen? Und so soll hier einmal kurz eine Antwort in bezug auf den vorliegenden Fall gegeben werden. Drei Umstände sprechen gegen das Unternehmen der beiden Frey.

  1. Die mehrfach an sie gerichteten Warnungen, die ihren Hauptursprung in der sich umbildenden Wetterlage und in den derzeitigen schlechten Verhältnissen hatten;
  2. die am Samstag, den 2. Januar, für jeden Bergsteiger klar erkennbaren sicheren Schlechtwetterzeichen, die sich auch am Sonntag bewahrheitet haben, und
  3. die Tatsache, daß ihnen die Wand nicht aus einer Begehung im Sommer bekannt war.

Eine Durchsteigung der Watzmann-Ostwand im Winter erfordert engstes Vertrautsein mit den ganzen Verhältnissen in der Wand. Nicht nur die technische Schwierigkeit muß bekannt sein, viel mehr noch muß man Bescheid wissen über die objektiven Gefahren, über die Schwierigkeit der Orientierung und die Wetterverhältnisse.

Für das Unternehmen der beiden Frey spricht:

  1. Ihr nicht zu gering einzuschätzendes Können (sonst hätten sie die schwierigen Stellen überhaupt nicht meistern können),
  2. ihr unbeugsamer Wille zum Sieg, und
  3. ihre Ausdauer.

Beides gegeneinander abgewogen, ergibt eine Verurteilung nach bergsteigerischen Grundsätzen von vornherein; doch muß man letzten Endes Anerkennung zollen für die letzte drei oder vier Tage. Die Berechtigung der Verurteilung ergibt sich klar und deutlich aus dem Umstand, daß die beiden Frey am letzten Tage, Donnerstag, den 7. Januar, keinen Schritt mehr vorwärts gekommen sind und ohne fremde Hilfe weder den Gipfel noch das Tal erreicht hätten.

Wäre die ganze Rettungsunternehmung nicht mit dem restlosesten Einsatz aller Beteiligten durchgeführt worden, so wäre wahrscheinlich eine Rettung unmöglich gewesen. Und nur diesem Umstand ist es zu verdanken, daß die beiden Frey heute noch am Leben sind.

Mögen alle jungen Bergsteiger aus diesem Geschehen die Lehre ziehen, Probleme mit dem Kopf und nicht mit dem Körper zu meistern. Mögen aber auch alle Vereine und Führer von Jungmannschaften in diesem Sinn auf die ihnen anvertrauten jungen Bergsteiger einwirken und ihnen klar machen, daß der Bergsteiger so weit kommen muß in seiner Selbsterziehung, daß er sich für das Schwierigere, nämlich das Verzichten auf den Gipfel, entscheiden muß, wenn der Berg gegen ihn ist.

Die Vetter Frey – Entscheidung in der Ostwand

Mitteilungen des deutschen und österreichischen Alpenvereins

1937, S. 30 ff

Aus dem Bericht des Leiters der alpinen Rettungsstelle Berchtesgaden

Von Josef Aschauer.

Wir haben oben mit dem Berg, mit dem Sturm, dem Eis und Schnee so viel Arbeit und Kampf gehabt, daß wir nicht mehr an das Tal mit seinen teilnehmenden Menschen denken konnten. Unsere ganze Kraft galt dem Rettungswerk allein, das wir, ganz auf uns allein gestellt, ausführen mußten. Wir hatten keinen Mann zu viel, der vielleicht Meldungen hätte ins Tal bringen können. So ist es ja nur zu erklärlich, daß vieles falsch sein mußte, was unten nur angenommen wurde. Von den wirklichen Verhältnissen oben am Berg können sich wohl nur sehr wenige Menschen – eben nur solche Bergsteiger, die Ähnliches erleben mußten – eine Vorstellung machen.

Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kampf mit den Naturgewalten, die so grauenhafte Anstrengungen machten, um uns das Rettungswerk zu vereiteln. Nur die eiserne Kameradschaft der Rettungsmänner und das vollste Vertrauen eines Kameraden zu dem anderen ließen“ den Kampf überstehen und gewinnen, und jeder Mann leistete auf dem Platz, auf den er gestellt wurde, sein Bestes. Ich weiß nicht, was höher einzuschätzen ist, der Abstieg in den Lawinen der Ostwand oder das Ausharren und das Bedienen der Seile oben am Grat in diesem höllischen Sturm. Als ich nach Stunden aus der Wand heraufkam, da waren meine Kameraden über und über von Eis überzogen. Die Gesichter waren teilweise eingeeist. Sie konnten nur noch spärlich aus den beeisten Wimpern sehen. Als ich einem davon das Eis im Gesicht entfernte, meinte er, der Eispanzer täte gut, weil man den Wind nicht mehr verspüre. Ja, es wurde viel ertragen, um die Tat zu vollbringen.

Als ich am Montag, den 4. Januar, vormittag, an die Landesstelle für das Alpine Nettungswesen in München über die Lage der in Not geratenen Bergsteiger an der Watzmann-Ostwand berichtete, war mir völlig klar, daß ein Rettungswerk ganz außerordentliche Leistungen verlange. Ich erbat mir vom Landesleiter Siebenwurst die besten Münchner Bergsteiger. Eine Rettung konnte nach meiner Ansicht nur von oben unternommen werden. Aber da sich die beiden Frey um diese Zeit noch in der Wandmitte befanden, mußte abgewartet werden, was sie weiter unternahmen, ob sie absteigen oder dem Gipfel zu streben würden. Es war für den Moment mein weiterer Vorschlag, mit einem Flugzeug zu versuchen, Lebensmittel, Ausrüstung usw. abzuwerfen, um einen längeren Aufenthalt in der Wand den beiden Frey zu ermöglichen.

Dies mußte aber sofort geschehen. Von der Landesstelle aus wurde sofort eine Maschine der Luftwaffe erbeten.

Kurz vor dem Abflug zur Ostwand erreichte mich ein Anruf von St. Bartholomä, mit dem mir mitgeteilt wurde, daß die beiden Frey seit dem Vormittag weitergestiegen seien und sich unter einer Wand auf dem vierten Band befänden. In 2000 in Höhe flogen wir über Berchtesgaden nach St. Bartholomä und direkt auf die Ostwand zu. Knapp vor der Wand wurde die Maschine auf den Flügel gestellt, und im Sturzflug ging es an der Wand hinunter ins Eisbachtal. Ich hatte sofort die Spuren im Schnee auf dem vierten Band entdeckt, die unter die Wand hineinführten. Bei zweiten Anflug warf ich das erste Lebensmittelpaket ab, und im Sturzflug sausten wir wieder hinab an der Wand. Ich sah ganz genau den Auffall des Paketes auf dem zweiten Band. Ich hatte also nicht getroffen; das zweite Band kann nämlich überhaupt nicht erreicht werden. Die Maschine mußte noch näher an die Wand heran. Der Pilot zog eine Schleife und steuerte die Maschine von rechts (von Norden) in die Wand hinein. Er legte sie steil auf den Flügel, so daß ich links hinunterschauen und rechts das Paket hinausfallen lassen konnte. Dieses Paket fiel auch tatsächlich am vierten Band knapp neben der Spur auf. Ich war sehr froh, daß es so schön gelang. Aber als wir uns aus dem Eisbachtal wieder herausschraubten, entdeckte ich die beiden Bergsteiger schon in einer Steilrinne zwischen viertem und fünftem Band. Also war es wieder nichts, es sei denn, daß die beiden umkehren wollten und das Paket fanden. Der Pilot steuerte also noch näher an die Felsen heran, die schon ganz bedenklich nahe kamen, und dies Manöver mußte noch mindestens achtmal ausgeführt werden, bis ich alle sieben Pakete abgeworfen hatte. Aber ich hatte auch mit Bestimmtheit gesehen, daß ich mit zwei Paketen ganz in die Nähe der Bergsteiger traf. Leider blieb, das eine davon mit den Lebensmitteln nicht liegen und rutschte ab (Verankerungen an den Paketen konnten nicht angebracht, bzw. mußten wieder entfernt werden, da dadurch die Pakete sich möglicherweise an den Steuervorrichtungen der Maschine verfangen hätten) und das zweite mit den Zeltsäcken konnten die beiden Frey nicht erreichen, weil es auf eine Felsstufe fiel, die gar nicht hoch, aber für die beiden unersteiglich war. Wir erfuhren aber erst vier Tage später von den beiden Frey, daß sie nichts erwischen konnten.

Am 21 Uhr marschierten wir mit den Münchner Bergsteigern – elf Mann: Göttner, Gramminger, v. Kraus, Peidar, Rosenschon, Schmaderer, Steinberger, Ruder, Kurz Sepp, Kurz Toni und ich – von der Wimbachbrücke zur Griesalm ab, die wir um 24 Uhr erreichten. In der Nacht kamen noch Gefreiter Schwaiger und Vreyer, beide vom Jägerregiment 100, zur Griesalm nach. Wir verließen am 5. Januar die Griesalm um 6.15 Uhr. Es war noch finster und ein mühevoller Aufstieg im untersten Teil des Weges. Oft brachen wir bis zu den Hüften in den weichen Schnee an den Latschen ein. Doch schon um 10.05 Uhr standen wir auf dem Gipfel. Wir waren ohne Rast gegangen. Ich glaubte bestimmt an einen schnellen Erfolg, wenn es auch nicht leicht sein sollte. Nach kurzer Rast auf dem Gipfel stieg ein Teil der Mannschaft über den vereisten Grat zur Mittelspitze weiter, während die anderen mit dem Bau einer Schneehöhle begannen, da mit einem Biwak gerechnet werden mußte. Auf einer in die Ostwand vorspringenden Stelle des Grates wurden später alle 13 Mann versammelt und auf Kommando wurde in die Ostwand hinuntergebrüllt. Dann trat Totenstille ein.

Wir horchten alle angespannt. Nichts rührte sich in der Wand, kein Laut, kein Hilferuf. Wir stiegen am Grat weiter, um die Wand besser einsehen zu können. Von einem Gratturm aus gelang dies auch sehr gut und bald waren die Trittspuren mit dem Feldstecher weit unten in der Wand entdeckt. Also schrien wieder alle 13 Mann gemeinsam. Volle 3 Stunden stiegen wir nun schon am Grat hin und her und versuchten auch an einer Stelle in die Wand einzusteigen, aber ohne genaueste Kenntnis des Platzes, an dem sich die beiden Frey befanden, konnten wir nicht weiter absteigen, da die Wand ja auch riesig breit ist. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Plötzlich um 13.30 Uhr entdeckte v. Kraus zufällig einen der beiden Frey. Alle versammelten sich sofort an dem Punkt des Grates, wo man sie sehen konnte. Sie stiegen gerade über eine dunkle Wandstufe auf und hoben sich wieder schlechter ab. Die beiden Frey mußten uns auch gesehen haben, aber sie rührten sich nicht deswegen. Um Hilfe riefen sie noch keineswegs. Sie wollten was zu essen haben. Es wurde sofort ein geeigneter Platz in einer Gratscharte gesucht, von dem aus das Abseilen in die Wand erfolgen konnte. Als Göttner als erster in der Wand unten war, brach plötzlich Nebel herein. Es war um etwa 14.15 Uhr. Dadurch wurden natürlich alle weiteren Maßnahmen sehr erschwert. Göttner stieg an einem Seil etwa 180 m in die Wand hinab. Wir hörten ihn kaum noch. Ihm folgte Schmaderer mit dreimal 50 m Reepschnur, die aber doppelt genommen werden konnte, um einigermaßen Sicherheit zu gewähren. Der Nebel wurde immer dichter, es begann zu schneien. Der Horchposten auf dem Felskopf hörte nun zum erstenmal die Hilferufe der beiden Frey, die schrien: „Hilfe, Hilfe, es schneit schon!“ Göttner und Schmaderer taten alles, um so weit und so nahe wie möglich an die beiden Frey heranzukommen. Diese Arbeit erschien uns oben am Grat schier endlos. Wir hielten krampfhaft das Seil, an dem die beiden unten in der Wand hingen. So gegen 16 Uhr erhielten wir endlich Zeichen zum Aufziehen. Als Göttner und Schmaderer in bessere Rufweite kamen, teilten sie mit, daß mit den vorhandenen Seilen nicht bis zu den beiden Frey hmunterzukommen sei. Eine senkrechte Wandstufe von 30 bis 40 m Höhe trennte sie noch von dem Band, auf dem die beiden Frey sich befanden. Es seien noch gut 100 m Seil notwendig, wenn dies gelingen sollte. Ich entschloß mich daher sofort, diese Seile vom Tal zu holen. Es war höchste Zeit, wollten wir noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit so weit hinabkommen, daß wir aus der Gefahr waren. In einem Laufschritt ging es über alle Schluchten und Wandstufen hinunter. Es herrschte dichtester Nebel, ab und zu ging ein feiner Eisregen nieder und schnell brach die Finsternis herein. Jede Minute war kostbar. Den letzten steilen Grat über dem Wimbachtal legten wir in der Dunkelheit zurück. Auf der Griesalm trafen wir um 17.45 Uhr ein.

Das Wetter war nun völlig umgeschlagen, es schneite und regnete. Da auf der Griesalm nicht  genügend Seile vorHänden waren, schickte ich noch in der Nacht zum Wimbachschloß, um alle Seile, die dort hinterlegt waren, zu holen. Am Morgen stiegen wir wieder mit 180 m Seil zur Südspitze auf. In der Nacht hatte es nicht mehr viel geschneit. Doch hatte der gefallene Schnee genügt, um die Spuren unbrauchbar zu machen, so daß wir uns gehörig schinden mußten. Zudem waren wir nur zu dritt im Spuren. Das Wetter blieb denkbar schlecht. Es wehte ein eisiger Westwind. Als wir dann auf das obere Schönfeld kamen, erschienen oben am Grat die ersten Kameraden und stiegen ab. Wir erhöhten unser Tempo, um möglichst Zeit zu sparen. Als wir auf Rufweite zusammenkamen, riefen uns die Absteigenden zu: „Es ist oben aus, in der Ostwand rührt sich nichts mehr. Die beiden Frey haben diese Nacht nicht mehr überstehen können.“ Nach dieser Beiwacht auf dem Gipfel war der eisige Wind nicht mehr zu ertragen. Schweren Herzens mußten unter solchen Umständen meine Kameraden den Abstieg vom Gipfel antreten. Die eisige Beiwacht in dem wütenden Giftfelsturm hatte den Kräften aller Rettungsmänner zu sehr zugesetzt, und es war ein zwingendes Gebot der Verantwortung gegen jeden einzelnen, abzusteigen. Dazu kam, daß aus der Ostwand wieder auf die Rufe keine Antwort erfolgte. Wir schlössen uns als letzte diesem Abstieg an. Nun war doch alle Plage umsonst gewesen. Gegen Mittag kamen wir zur Griesalm zurück. Dort warteten, bereits zwei Brüder des einen Frey auf ihren jüngsten Bruder. Wir ließen alle zusammen die Köpfe hängen. Die gesamte Ausrüstung wurde nun zusammengepackt und die Griesalm verlassen. Um 13.30 Uhr kamen wir an der Wimbachbrücke an. Ich versuchte sofort telephonische Verbindung mit Siebenwurst; dieser war aber in St. Bartholomä und nicht erreichbar. Zugleich wurde mir mitgeteilt, daß der Führer sofort meinen Bericht erwarte. Ich rief daher am Berghof an und teilte dem Adjutanten des Führers mit, daß das Rettungswerk mißlungen und die beiden Frey unserer Meinung nach tot seien. Gleich nach dieser Meldung wurde ich wieder angerufen und erfuhr, daß die beiden Frey soeben von Vartholomä aus wieder gesichtet wurden, wie sie versuchten, weiterzusteigen. Nun erreichte das Drama den Höhepunkt. Wir sitzen im Tal, abgespannt und ermüdet, und in der Ostwand leben die beiden noch! Aber sofort waren wir alle wieder bereit, hinaufzusteigen. Ob wir aber noch imstande sein würden, den kommenden Strapazen standzuhalten? Wollten wir noch ernsthaft den Rettungsversuch wiederholen, dann mußte sofort in ganz großzügiger Weise ans Werk gegangen werden. Nach kurzer Beratung mit meinem Kameraden beschloß ich, den Führer sofort von der neuen Sachlage zu unterrichten und von ihm die notwendige großzügige Unterstützung zu erbitten. Wir brauchten zu unseren 350 m Seil noch 700 m dazu, weiters Windjacken, Handschuhe, Steigeisen, Zelte, Proviant usw. Um diese Lasten zur Südspitze zu fördern, sollten 50 Mann abgestellt werden.

Binnen kürzester Zeit erhielt ich vom Kommandeur des Jägerregiments die Mitteilung, daß von Seiten des Regiments alles zur Verfügung gestellt werde, was notwendig sei. Es kam alles schnellstens in Gang. Unser neuer Rettungsplan wurde folgendermaßen aufgestellt: Wir Rettungsmänner begeben uns schnellstens zurück zur Griesalm. Wir legen uns sofort nieder, um uns auszuruhen.

In der Nacht trifft die Mannschaft des Jägerregiments mit der Ausrüstung ein und beginnt dann um 3 Uhr früh den Aufstieg. Um 5 Uhr wollen wir ohne Rucksäcke nachkommen und so zu gleicher Zeit auf dem Gipfel eintreffen, worauf sofort in die Ostwand eingestiegen wird. Um 16 Uhr marschierten also alle Rettungsmänner wieder zur Griesalm ab, wo wir um 19 Uhr eintrafen. Um 23 Uhr kamen die Gebirgsjäger, durchnäßt bis auf die Haut, an. Das Wetter hatte ganz zum Schlechtesten umgeschlagen. Es sah trostlos aus, als ich mit dem Führer der Mannschaften, Oberleutnant Raithel, alles Wichtige für den Aufstieg besprach. Die Griesalmhütte war bis auf den letzten Winkel von dampfenden, nassen Menschen angefüllt. Draußen klatschte im Sturmwind strömender Regen nieder. Wie wird das Unternehmen wohl noch enden? Ich hatte große Sorgen, und eine schwere Verantwortung lastete auf mir. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Es mußte gewagt werden. In durchnäßter und dann eiserstarrter Uniform ist jede Minute Sturm ein Risiko. Ich habe das zweitemal in dieser Nacht lange nicht einschlafen können, geplagt von Zweifel und Sorgen. Um 5.30 Uhr verließen dann wir Rettungsmänner die Griesalm. Oben in den Steilhängen und an den Graten schwankten die Lichter der Jäger umher. Der Regen hatte aufgehört. Dafür tobte der Wind wenn möglich noch viel stärker. Auf der Weghälfte hatten wir die Soldaten eingeholt und überholt. Der Sturmwind nahm mit der Höhe immer mehr zu. Am Grat angelangt, bauten wir sofort an geeigneten Stellen Schneehöhlen, da die Soldaten mit den Seilen noch nicht eingetroffen waren. Es durften nur noch diese Leute nachkommen, die die Seile trugen. Alle anderen mußten umkehren, bzw. unten bleiben und warten. Was brauchten wir noch Proviant, wo zum Essen keine Zeit mehr blieb? Die Schneehöhle auf dem Gipfel wurde sofort vergrößert. Als dann die ersten Seile gebracht wurden, band ich mich fest und ließ mich über die Gratwächte hinunter. Nach gut 100 m Höhe kam ich zu einer mit Eis überzogenen, 8 m hohen Wandstufe, der letzten zu einem vorspringenden scharfen Gratrücken. Meine Kameraden oben hatten das Seil gleichmäßig durch den Karabiner laufen lassen, während ich oberhalb der Wandstufe nach der besten Abstiegsmöglichkeit suchte und stehen blieb. Dadurch war ich nicht mehr straff gehalten worden, ich verlor Plötzlich den Halt, stürzte die Wandstufe hinunter und löste dadurch eine riesige Lawine aus. Durch den Sturz war ich schnell unten, und zudem hatte ich dadurch glücklicherweise die gefährliche Lawine vor mir gelöst. Der Weg weiter abwärts lag offen. Auf dem Gratrücken stieg ich vor zur Kante und schrie hinunter. Es erfolgte sofort Antwort: „Hilfe, wir leben beide noch!“ Es war ganz deutlich, ich hatte mich nicht getäuscht. Ich ließ nun Schmaderer zu mir nachkommen. Wir riefen wieder hinab und nichts mehr rührte sich. Also bleibt nichts anderes- übrig, als weiter abzusteigen. Göttner mußte nachkommen. Schmaderer und ich lösten die Verbindung mit dem Grat völlig, um Seil zu sparen. Als Göttner bei uns war, stieg ich nunmehr in der Lawinenrinne ab. Den Rucksack mit Proviant und Tee für die beiden Frey hatte ich mitgenommen. Als nach 120 oder 150 m das Seil zu Ende ging, da schrie ich mir die Stimme heiser, und es rührte sich nichts. Nur Staublawinen rauschten vorbei an mir wie große Wasserfälle. Es war alles eingehüllt in stäubenden Schnee. Ich machte Quergänge hinaus an die Kanten und versuchte alles, um Einblick zu bekommen in eine Wandeinbuchtung, in der die beiden Frey sein mußten. Mit jeder seitlichen Querung schnitt ich mit, den Seilen die Schneebretter aus den Flanken der Wand heraus, die sich dann auf mich niederstürzten. Aber um mich hatte ich keine Sorge. Ich dachte an die beiden Frey und an die Kameraden im Sturmwind des Grates. Da wurden ganz allmählich die Seile immer straffer, ich wurde wieder hinaufgezogen. Eine Verständigung nach oben war unmöglich. Nun begann die Plage des Aufstieges. Die Seile hatten sich tief in den Schnee hineingeschnitten und die Verknotungen bremsten dazu, so daß mich meine Kameraden nur hinaufziehen konnten, wenn ich selbst so viel wie möglich mithalf. Inzwischen war Kurz Sepp auch auf den schmalen Gratvorsprung heruntergekommen und half mit bei meinem Aufziehen. Fast erschöpft erreichte ich um 12.30 Uhr meine drei Kameraden wieder.

Gramminger und Rosenschon kamen nun auch zu uns herunter. Nun standen wir zu sechst auf dem schmalen Grat. Wir riefen nun wieder links in der Richtung meines Abstieges hinunter und glaubten etwas zu hören, aber es war nichts Sicheres. Die einen hörten etwas, die anderen nichts. Droben heulte der Sturm, es schneite in dichten Flocken in der Wand. Die Lage wurde immer kritischer. Wir einigten uns nach kurzem Ratschlag darauf, daß wir nunmehr Schmaderer links an der Gratkante hinunterlassen, und zwar höchstens 50 m. Mißlingt dieser Versuch wieder, dann muß der Kampf um die Errettung aufgegeben werden, dann mußten wir die beiden Frey der Ostwand lassen. Es war wie ein Todesurteil.

Die Sorge um die Kameraden oben am Grat zwang mir diesen Entschluß auf. Ich durfte keinen meiner Rettungsleute opfern, um vielleicht einen doch schon Todgeweihten oder bereits Toten zu bergen. Schmaderer wurde also von uns ans doppelte Seil genommen. Nach 30 m entschwand er unseren Blicken und nur noch weitere  10 in lief das Seil durch unsere Fäuste, dann spürten wir keinen Zug mehr. Wir warteten ab. Es geschah nichts. Auf unsere Rufe kam keine Antwort. Schließlich ließen wir Rosenschon hinab, damit er nach Schmaderer ausschaue. Und Rosenschon brachte uns die freudige Meldüng, daß Schmaderer bei den beiden Frey stehe und sie füttere. Nun hatten wir eine unbändige Freude. In letzter Minute gelang es uns also doch noch. Lange dauerte es noch, bis Rosenschon Zeichen gab, daß wir die Seile einziehen sollten. Dies ging nur langsam. Es hingen ja auch alle drei, Schmaderer und die beiden Frey, am Seil. Aber es wurde unentwegt eingezogen, Zentimeter um Zentimeter. Wie werden wohl die beiden aussehen? And dann tauchten sie an der Kante auf, bemitleidenswerte, gekrümmte Gestalten mit eingefallenen Gesichtern. Sich näher die beiden anzusehen, blieb keine Zeit. Erst mußten wir aus der Ostwand heraus sein.

Göttner und ich ließen uns sofort aufziehen, damit wir oben mithelfen konnten. Als ich auf den Grat heraufkam, stellte ich mit Entsetzen fest, wie sehr hier im wütenden Orkan meine Kameraden leiden mußten. Von allem Anfang an stand v. Kraus am Grat und leitete die Seilmanöver. Ihn unterstützten die ganze Zeit über Steinberger, der kleine Gefreite Schweiger, der Unteroffizier Wiesheu und der Gefreite Rausch. Diese fünf Mann vollbrachten eine hervorragende Leistung. Ich glaube, der Aufenthalt am Grat war viel schlimmer wie in den Lawinen in der Wand. Ich habe sie bewundert, wie sie standhielten mit den eingefrorenen Gesichtern und Augen und sorgfältigst alle Kommandos von unten, die sie erreichen konnten, ausführten. Ich schickte Leute mit der Botschaft der glücklichen Rettung ins Tal. Dann half ich mit beim Aufziehen. Nun hingen gleich vier Mann – die beiden Frey, Schmaderer und Kurz – am Seil. Wir waren froh, als sie heroben waren. Über die Geretteten wurde sofort ein neuer Zeltsack gestülpt, und mit unseren Körpern schützten wir sie außerdem noch vor dem Sturm. Die Zeltsäcke, die steif gefroren waren, zerrissen im Wind wie Papier. Nach kurzem Verschnaufen seilten wir die beiden Frey an. Der Abstieg konnte beginnen. Alle Mann verließen fluchtartig den Grat und den Gipfel. Es war höchste Zeit. Alle Seile, die Haken und die Karabiner, alles blieb liegen. Nun hieß es zu allererst die Menschen in Sicherheit zu bringen. Eine neue Gefahr bildete beim Abstieg über das Schönfeld die große Lawinengefahr. Mit hereinbrechender Dunkelheit erreichten alle Mann glücklich und hell den Boden des Wimbachtales. Hier herunten war es warm geworden, der Schnee war tief und weich. Wie sollten unter solchen Verhältnissen die beiden Frey schnell zur Hütte kommen, wo man mit jedem Schritt bis zu den Hüften im Schnee versank.

Es blieb nichts anderes übrig, als daß zwei Kameraden, die dann für die kurze Strecke zur Hütte weit über eine Stunde brauchten, ihre Schi hergaben, damit die beiden Frey darauf die Hütte mit möglichst geringer Anstrengung erreichen konnten. Eine Abfahrt, wie es hieß, war das nicht. Der Schnee lag tief, die Abfahrt ist sehr flach und obne Hindernisse. Wir waren froh, daß es so war. Vor der Hütte brach dann der jüngere Frey, der als erster mit mir eintraf, zusammen. Später kam der ältere in besserer Verfassung an. Anderen Tages, am Freitag, den 8. Januar, verlangte der Schlittentransport durch das Wimbachtal hinaus zur Wimbachbrücke noch allen Einsatz der schwindenden Kraft der Rettungsmänner. Riesige frische Lawinenbahnen zwangen uns zu allem Überfluß noch zu großen Umgehungen im aufgeweichten Schnee. Wie waren wir froh und glücklich, als die Wimbachbrücke erreicht war und die beiden Geretteten im Sanitätsauto lagen. Das Rettungswerk war zu Ende.

 

Thiersch und Engelmann – Variante in der Ostwand des Hochecks

Watzmann Hocheck (2669 m).

Einstieg zur direkten Ostwand am 18. Dezember 1932 durch (F. Engelmann) und F. Thiersch.

In der Ostwand des Hocheck bildet eine riesige Schichten-Verwerfungslinie sofort den Anhalt für einen idealen Durchstieg. Die oberen zwei Drittel wurden von J. Aschauer und Bugl erstmals begangen, dieser neue Einstieg führt durch das unterste Drittel und kommt dann über leichtes Gelände zu der bereits bekannten Route von Aschauer. Vom Lawinen-Kegel am untersten Ende der Verwerfungslinie auf- und absteigend nach links, über den Grund der Verwerfung 15 m hinüber. Über die hier ansetzenden steilen Platten 20 m nach rechts hinauf und auf einer Rampe etwas abwärts nach rechts in den Grund der Verwerfung. Über den hier ansetzenden Überhang hinauf und dann über etwas leichteres Gelände und unter Umgehen der schwierigen Stellen im Grund der Verwerfung durch geringes Ausweichen nach links, hinauf auf das leichte Gelände unter den oberen zwei Drittel der Verwerfung. Durch Winkel und Kamine hinauf an den Beginn der Schwierigkeiten und weiter wie in „Zellers Führer durch die Berchtesgadener Alpen“.

Zeitaufwand etwa 1 ½ Stunden.

Nationalsozialisten am Watzmann

Berchtesgaden und der Watzmann, der Watzmann und Berchtesgaden. Diese Verbindung brachte, angesichts der besonderen Rolle Berchtesgadens in der Zeit des „Dritten Reiches“, auch nationalsozialistische Prominenz an den Berg.

Man darf jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Ereignisse über eine Bergfahrt Hermann Görings am vierten Watzmannkind nicht unbedingt realitätsnah geschildert worden sind.

Sektion Mark Brandenburg, Oetzthaler Bergbote, Nr. 363, 40. Jahrgang, Oktober 1938

Auszug aus Erich Gritzbach, „Hermann Göring – Mensch und Werk“

„Gerade dem Bergsport, der wie der Skilauf einen ganzen Mann erfordert, gilt seine besondere Liebe. Mitten aus der Arbeit heraus und ohne jedes Training durchkletterte er noch vor zwei Jahren, unbekümmert um Hagel und Gewitter, die Ostkante der Watzmann-Jungfrau. Seine Begleiter wollten umkehren, aber sie bissen auf Granit, er freute sich sogar über die schlechten Wetterverhältnisse, welche die Bergtour zu einer besonderen Leistung stempelten. Jahr für Jahr steigt er einmal hinauf von den grünen Ufern des Obersees durch Hochwald und Latschenfelder, über Almen und Steilhänge zu seiner kleinen Jagdhütte in der Röth. Wenn er hier oben, in diesem 2000 Meter hohen paradiesischen Hochtal, in das die Teufelshörner und die Watzmannriesen hineinschauen, mitten in der wilden Felsromantik in aller Herrgottsfrühe den Sonnenaufgang betrachtet oder starken Gemsböden nachpirscht, ist Hermann Göring in seinem Element.“

Hermann Göring im Nachstieg, oder am Fixseil, an der Jungfrau. Im Hintergund die Westwand und der Südwest-Grat des kleinen Watzmanns.

Wetterumschwung – Tod in der Ostwand

Salzburger Volksblatt, 22.06.1922

Das Drama auf dem Watzmann

Wie gestern gemeldet, hat der Watzmann am Sonntag mehrere Todesopfer gefordert, und zwar wurden zwei getrennte Partien, die über die Watzmann-Ostwand dem Gipfel zustrebten, durch das Unwetter besiegt. Die erste Partie, die trotz des schlechten Wetters schon um 3 Uhr früh von St. Bartholomä am Königssee aufbrach, um den Aufstieg über die  Watzmann-Ostwand, eine der schwierigsten Kletterpartien in den Berchtesgadener Kalkalpen, zu unternehmen, bestand aus dem Kaufmann Josef Aschauer aus Berchtesgaden, dem 21-jährigen Angestellten der Einkaufsgenossenschaft Berchtesgaden Josef Stangassinger, dem gleichaltrigen Bautechniker Karl Diensthuber aus München und dem Bauschüler Wilhelm Pöhlmann von dort. Die vier erreichten trotz des inzwischen eingetretenen Witterungsumschlages unter unsäglichen Anstrengungen, im Schnee und Regen vorwärts tastend, die letzte Steilwand vor dem Watzmanngrat, als Diensthuber nachmittags halb 4 Uhr infolge der Überanstrengung nicht mehr weiterkonnte und erschöpft zusammenbrach. Er war an Herzlähmung gestorben, seine Kameraden konnten sich selbst nur mühsam weiterschleppen und mußten die Leiche liegen lassen. Am Watzmanngrat war der Schneesturm noch fürchterlicher, die Touristen waren nicht mehr in der Lage, ihre Rucksäcke zu öffnen, da ihre Glieder gefroren waren. Durch wiederholte Stürze erlitten sie kleinere Verletzungen, die sie sich nicht mehr verbinden konnten, so daß sie arg zerschunden in eisiger Kälte weiterirren mußten, hinab zum Hocheck und dem Münchner Haus zu. Da stürzte auch nächst dem Hocheck der junge Stangassinger, ums ich, zu Tode erschöpft, nicht wieder zu erheben. Aschauer blieb bei ihm. Pöhlmann suchte abwärts zu steigen. Der weiße Tod forderte sein zweites Opfer: Stangassinger starb gegen Abend an Überanstrengung, auch waren ihm die verletzten Gliedmaßen bereits erfroren. Aschauer, touristisch und gesundheitlich noch in halbwegs guter Verfassung, aber auch stark er schöpft, hatte die Knie und Füße erfroren. Er unternahm, seiner drei Freunde ledig, allein den Abstieg und erreichte auch glücklich das Watzmannhaus.

Kurz nach Aufbruch der vier jungen Leute, gegen 4 Uhr früh, hatte eine weitere Partie von drei Mitgliedern der Akademischen Sektion München, der bekannte Alpinist Otto LeixI, Dipl. -Ing. aus München, Dr. F. Kaußler aus Landau in der Pfalz, 24 Jahre alt, und der 23-jährige Dr. Karl Ehrensperger aus Traunstein, von Bartholomä aus die Watzmann-Ostwand zu ersteigen versucht. Aschauer und Pöhlmann erzählten, daß diesen der Durchweg durch die Ostwand gelungen sein mußte, denn sie wurden von ihnen 200 Meter unterhalb der Mittelspitze beobachtet. Da sie aber am Montag vermißt wurden, begab sich Montag mittags eine aus acht Mann bestehende Rettungsgesellschaft zur Suche über das Wimbachtal und Watzmannhaus nach dem Grat, wo ein Rucksack gefunden wurde, der von dieser Partie stammt. Am Dienstag fand man die Leichen der drei Touristen am „Hohen Einstieg“, kaum eine halbe Stunde oberhalb des Watzmannhauses, erfroren.  Alle drei waren von der Ostwand-Südspitze herübergewandert und brachen kurz vor dem Ziele erschöpft zusammen.

Am Dienstag trugen die Berge bis auf 1700 Meter herab Neuschnee. Schon am Samstag nachmittags ging über den östlichen Teil Berchtesgadens, die Gern, Metzenleiten, Salzberg und Au ein schweres Hagelwetter nieder, so daß am Sonntag noch Hagelkörner auf den Feldern gefunden wurden. Im Treibhaus des Distriktskrankenhauses wurden alle Fensterscheiben eingeschlagen.

Über die Katastrophe, die die Partie Leixl, Ehrensperger, Kaußler betraf, wird noch gemeldet: Sonntag früh gegen 4 Uhr machte sich trotz der ungünstigen Witterung (es herrschte dichter Nebel und der Regen fiel seit Samstagnachmittag ununterbrochen) eine Partie von drei Mitgliedern der Akademischen Sektion München, darunter der bekannte Alpinist Dr. Otto Leixl von München, aus, um von St. Bartholomä aus die Watzmann-Ostwand zu ersteigen. Aus ihrer Partie gelangten sie später in einen fürchterlichen Schneesturm, konnten aber noch unter der wackeren Führung Dr. Leixls die Südspitze erreichen. An der Mittelspitze mußten Dr. Leixl und Karl Ehrensperger den völlig erschöpften und erfrorenen Dr. Kaußler zurücklassen, um sich selbst vor Einbruch der Dunkelheit noch vor dem Tode retten zu können. Aber leider gelang ihnen auch dies nicht mehr. Eine halbe Stunde vor dem sicheren Schutz, dem Münchner Haus, am hohen Einstieg, unterhalb des Hocheck, haben auch sie die Kräfte verlassen; sie sind infolge Erschöpfung und mit erfrorenen Gliedern, ein Opfer ihrer geliebten Berge geworden. Die Leichen der beiden letzteren wurden gefunden, während Dr. Kaußler noch vermißt wird. Er dürfte aber kaum noch unter den Lebenden weilen. Lediglich sein Rucksack wurde gefunden. Die Toten werden am Mittwoch zu Tal nach Berchtesgaden gebracht. Wie Alpinisten berichten, ist es fast unglaublich, daß die Münchner Touristen bei dem furchtbaren Unwetter noch so weit gekommen sind, was nur der guten Führung des Dr. Leixl und der zähen Ausdauer zuzuschreiben ist.

Salzburger Volksblatt, 28.06.1922

Das Unglück auf dem Watzmann

Dr. E. H. berichtet in der „M. A. A.“, daß nach dem Berichte des überlebenden Herrn Aschauer-Berchtesgaden sich das Drama auf dem Watzmann in folgender Weife abgespielt haben dürfte.

Am Samstag, den 7. Juni, abends trafen sich in St. Bartholomä zwei Partien, die eine bestehend aus den Herren Aschauer, Diensthuber, Pöhlmann und Stanggassinger, die andere aus drei Mitgliedern der Akademischen Sektion München, den Herren O. Leixl, Ehrensberger und Kaußler. Beide hatten die Absicht, die Watzmann-Ostwand zu durchklettern. Am Sonntag wurde morgens drei Uhr im Abstande von einer Viertelstunde aufgebrochen. Das Wetter schien günstig zu sein. Durch die über dem Königsee liegenden Nebel blitzten einige Sterne hindurch. Vom alten Biwakplatz an gingen die beiden Partien gemeinsam. Unterhalb der „Schöllhornplatte“ fiel Nebel ein und es begann zu regnen. Trotzdem wurde die Platte ohne Schwierigkeit überwunden und um 7 Uhr das „Zellerloch“ erreicht. In dieser Höhle wurde gerastet, trockene Kleidung angezogen und abgekocht. Die schon ins Auge gefaßte Umkehr wurde aufgegeben, als um 9 Uhr, der Regen aufhörte, die Sonne herauskam und die Wand frei da lag. Um 11 Uhr wurde der „Frühstückstein“ am vierten Band erreicht. Hier fiel wieder Nebel ein, der allmählich in Dauerregen überging. Um 12 ½ Uhr wurde die Gratrippe erreicht, die gerade auf den Südgipfel leitet. Hier vergrößerte sich der Abstand beider Partien, da Dr. Kaußler, der an diesiem Tage in seiner Leistungsfähigkeit anscheinend beeinträchtigt war, von seinen Begleitern gesichert und unterstützt werden mußte. Leixl veranlaßte aber Aschauer, weiter zu gehen und nicht zu warten. Gegen den Gipfel zu ging der Regen in Schnee über, der aber an der warmen, im Windschatten liegenden Wand nicht liegen blieb. Um 3 ½ Uhr erreichte Aschauer, der im letzten Teile Diensthuber hatte ziehen müssen, mit seinen Begleitern den Südgipfel.

Von nun an waren sie der Gewalt des Schneesturms ausgesetzt, die Felsen waren mit Glatteis überzogen, die Tiefe des Schnees wuchs rasch an. Aschauer rieb den erschöpften Diensthuber ab, zog ihm warme Kleider an und gab ihm zu essen, so daß er zunächst wieder ganz gut weiter kam. Während dieser Zeit verständigte sich Aschauer durch Hallohrufe mit Leixl, der schätzungsweise 200 Meter, also etwa eine halbe Stunde, unter ihm war. Beim Aufstieg aus den Mittelgipfel wurde Diensthuber wieder schwach und mußte von Aschauer und Stanggassinger durch den „Kamin“ gezogen und gehoben werden. Auf dem Bande oberhalb des Kamins wurde Diensthuber bewußtlos, wehrte sich aber gegen die Versuche Aschauers und Stanggassingers, ihn zu tragen. Nun wurde Pöhlmann von Aschauer auf das Watzmannhaus vorausgeschickt, um Hilfe auf das Hocheckhüttl zu bringen. (5.45 Uhr.)

Nach vergeblichen Versuchen seiner Gefährten, ihn am Leben zu erhalten, starb Diensthuber um 6 Uhr. Stanggassinger hatte sich bei den Bemühungen um Diensthuber so überanstrengt und wurde durch den Tod seines Freundes so erschüttert, daß ihn Aschauer von nun an ziehen und schieben mußte.

So brachte er ihn etwa bis auf 100 Meter vor dem Hocheckhüttel. (7.15 Uhr.) Hier mußte er ihn liegen lassen und blieb bei ihm. Um 7 ½ Uhr starb Stanggassinger. Aschauer band die Leiche, wie vorher die von Diensthuber, an das Drahtseil an. Aschauer schleppte sich dann auf das Hocheck und stieg zum Watzmannhaus ab.

Kurz vor diesem traf er den Bewirtschafter Gschoßmann und einen Träger, die mit Decken und warmen Getränken zum Hocheckhüttl anstiegen. (8 ½ Uhr.) Da er im Hinblick auf die außerordentlich lange Zeit, die er wegen des Todes seiner beiden Begleiter für den Gratübergang gebraucht hatte,  annehmen mußte, daß die Partie Leixl bei Einschlagen des gleichen Weges ihn hätte überholen müssen, glaubte er, daß diese vom Südgipfel in das Wimbachgries abgestiegen sei und veranlaßte Gschoßmann zur Umkehr.

Am Montag wurden von Berchtesgadener Herren unter Leitung von Herrn Geiger die Leichen von Diensthuber und Stanggassinger bei tiefem Schnee geborgen. Dabei wurde der Rucksack des Dr. Kaußler an der Stelle, wo Diensthuber gestorben war, am Drahtseil angehängt gefunden. Am Dienstag vormittag wurden die Leichen von Ehrensberger und  Leixl eine halbe Stunde oberhalb des Watzmannhaufes, wenige Meter unter dem Grat, auf dessen Ostseite auf einem Bande  nebeneinander liegend gefunden. Sie wiesen keinerlei  Verletzung auf. Kleidung und Ausrüstung waren in gutem, ordentlichen Zustande. Die beiden Freunde scheinen bei einer kurzen Rast eingeschlafen zu sein. Am Mittwoch wurden sie von Mitgliedern der Akademischen Sektion, die zur Bergung zahlreich aus München herbeigeeilt waren, zu Tal gebracht.

Weitere Mitglieder durchforschten mit den Berchtesgadener Herren Aschauer, Geiger und Kurz den Grat nach Dr. Kaußler, jedoch ohne Erfolg.

Hoch anzuerkennen ist die selbstlose und opferwillige Mitarbeit der Berchtesgadener Bergsteiger.

 

Sepp Kurz und Hanna Zernickow auf dem Kederbacherweg durch die Watzmann Ostwand

Der Bergbote (Mitteilungen der DAV Sektion Berlin)

Nr. 8, 3. Jahrgang, August 1951

Aus der Bergwelt

2000 Meter Fels

(Zum Gedenken an Sepp Kurz +)

Von Hanna Zernickow

Freitag, den 28.7.1950. Ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen, seit dem Tage, als ich mit Sepp Kurz die Watzmann-Ostwand durchstieg. Genau an dem gleichen Tage und Datum. Eine kurze Spanne Zeit. Doch was ist alles seitdem geschehen! Viele Nöte und Entbehrungen hat wohl ein jeder von uns ertragen müssen. Viele unserer alten Kameraden hat der Tod uns entrissen. Und auch Du, lieber Sepp, weilst nicht mehr unter uns. Du, der Du so manchen aus Bergnot gerettet hast, der Du ein Meister im Klettern und im Skilauf warst, Dich hat der Bergtod geholt! Heuer sollte ich eigentlich wieder mit Dir in den Fels gehen, mit Dir an einem Seil verbunden sein. Nun darf ich nur noch an Deinem Grabe stehen und von dort aus aufschauen zu dem Berge, in dessen herrlicher Ostwand wir Freunde wurden. In meinem Herzen aber bleibst lebendig, Sepp! Du liebtest die Berge so sehr, wie ich sie liebe. Und das verbindet Menschen auch über den Tod hinaus. Noch im vergangenen Jahre fandest Du einen neuen Weg durch die Wand, von der ich jetzt erzählen will, die Verbindung über alle fünf Bänder der höchsten Wand in den Ostalpen. Und nun schalte ich zurück; 10 Jahre früher: Mit dem 4-Uhr-Boot fuhr ich von Königssee nach Bartholomä. Ich hatte bis jetzt zurückgeblickt. Da reißt es mir plötzlich den Kopf herum. Wir sind ganz dicht vor Bartholomä und ich sehe die Ostwand! Das oberste Drittel der Wand ist zwar in Wolken gehüllt, aber mir genügt im Moment auch schon der sichtbare Teil. So gewaltig lebte sie nicht mehr in meiner Erinnerung. Es kommt ja auch immer darauf an, wie man einen Berg betrachtet, ob mit den Augen desjenigen, der nur das schöne Bild in sich aufnimmt oder mit den Augen des Bergsteigers, der dort hinaufsteigen will. Mich hat’s zuerst beinahe erdrückt, aber schon nach ein paar Minuten hatte ich mich an das Bild gewöhnt. Im Wirtsgarten von Bartholomä setzte ich mich an einen Tisch in der Sonne mit Blick auf die Ostwand und fand, daß man in den Alpen lange suchen muß, bis man etwas Ähnliches an Schönheit, Wucht und Größe findet. Gedankenverloren trank ich meinen Kaffee. Da kam mit einem Male ein kleines Finkenhähnchen und lenkte meine Aufmerksamkeit von der Wand auf sich. Der kleine Kerl war so vertraut, er kam auf den Tisch geflogen, setzte sich zierlich auf den Rand meines Kuchentellers und tat sich an dem Kuchen gütlich. Ich ließ ihn ruhig fressen. Dann flog er fort, kam aber gleich wieder, und nun nahm ich ein Stückchen Kuchen in die Hand und fütterte ihn. Ganz ruhig saß er auf dem Tisch und fraß mir den Kuchen aus der Hand, als ob das die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre. Lustige kleine Äuglein hatte er, und sein Schwänzchen wippte jedesmal possierlich, wenn er den Kopf beugte, um ein neues Kuchenkrümelchen zu erhaschen. Viel Freude hatte ich an dem kleinen Piepmatz.

Ein letztes Leuchten lag auf dem Rotpalfen, und die Hachelwände waren von einem seltsamen Licht umflutet, das wieder auf Regen schließen ließ. Es war ja auch ein ganz verregneter Sommer, dieser Sommer 1940. Einen Augenblick warten auf der kleinen Landungsbrücke – da kam das Boot auch schon von Salet herüber, und ich fuhr wieder hinaus nach Königssee. In der kommenden Nacht blieb es ausnahmsweise mal trocken. Am anderen Tage war dann das strahlendste Wetter, das man sich denken konnte, und die Sonne schien vom Himmel, als ob niemals dicke Wolken ihn bedeckt hätten. Für den Abend war ich mit Sepp in Bartholomä verabredet. Ich wollte mit dem letzten Boot um ½ 6 Uhr hinüberfahren. Den ganzen Tag war ich daher auf Ausruhen und Kräftesammeln bedacht, denn morgen sollte ja der große Tag sein, an dem ich durch die Ostwand gehen würde. Acht Tage an einem Fleck sitzen und nur kleine Trainingstouren machen, war für mich Vagabund ja auch schon beinahe zuviel. Als ich in Bartholomä ankam, war Sepp noch nicht da. Ich lief ihm ein wenig entgegen, in der Meinung, daß er vom Funtenseehaus kommen würde, daß er seinerzeit bewirtschaftete, und mir dann auf dem Weg begegnen müsse. Sehr erstaunt war ich, als ich mit einem Male vom See herüber aus einem kleinen Boot ein „He, hallo“ hörte. Ein Mann ruderte stehend in dem Boot über den See und winkte mir heftig zu. Ich dachte, gilt das dir?! Dann sprang ich schnell über die Wiese zum See hinunter. Es war tatsächlich der Sepp, der mich erkannt hatte und der mit seinem Boot vom Schrainbachweg nach Bartholomä ruderte. Gemeinsam setzten wir die Fahrt fort. Diese kleine Fahrt war bestimmt die schönste, die ich jemals über den Königssee gemacht habe. Mit einem leisen Glucksen fielen die Tropfen von dem Ruder in das Wasser zurück. Der See war mal tiefschwarz, mal hellgrün, die Ostwand war frei und prangte in ihrer ganzen Schönheit. Die Sonne sandte einen letzten rotgoldenen Schein über den Gipfelgrat des Watzmanns – und tiefe Stille ringsum. Alle Leute, die wir in Bartholomä noch sprachen, waren der Meinung, daß morgen nun bestimmt das schönste. Ostwandwetter werden würde. Das Nachtmahl nahmen wir zusammen in Bartholomä in dem schönen geräumigen Gasthause ein, und dann gingen wir zu der alten Holzstube hinüber, die dem Sepp als Provianthütte für das Funtenseehaus diente. Hier machten wir noch ein Feuer zum Teekochen. Bis das Wasser kochte, ging ich nochmal ganz allein zum See hinunter. Man hat hier das Gefühl, von aller Welt abgeschnitten zu sein. In hellen, kurzen Schlägen rief das Kirchlein die zehnte Stunde, und da ging ich langsam zu unserem Hüttchen zurück, erfüllt von der unaussprechlichen Ruhe und Schönheit der mich umgebenden Landschaft und der Spannung auf die morgige Bergfahrt.

Um ½ 4 Uhr wollten wir aufstehen und um 4 Uhr losgehen. Um ½ 2 Uhr nachts trommelt der Regen aufs Hüttendach! Damit hatten wir nach diesem prachtvollen Abend ja nun am allerwenigsten gerechnet. Weiterschlafen konnte ich jetzt nicht mehr. Ich lag hellwach und dachte immer, wenn es bloß aufhört, wenn es doch bloß aufhört!! Nach einer Stunde hörte das Trommeln dann wirklich auf. Um ½ 4 Uhr rasselte der Wecker. Runter vom Lager und hinaus, das war eins! Es regnete zwar nicht mehr, aber es war unnatürlich warm für eine so frühe Stunde, und dicke, schwere Wolken hingen tief am Himmel. Wir gingen jedoch um 4 Uhr los, um nicht zu früh die Flinte ins Korn zu werfen. Auf dem Firnfeld der Eiskapelle stürzte dann aber wieder das Wasser vom Himmel herunter, so daß wir in einem Affentempo zum Wald rannten und um ¼ vor 6 Uhr in dem Hüttchen landeten. Schnell ein Feuer gemacht, die nassen Sachen zum Trocknen aufgehängt und nochmal auf die Lager hinauf. Dort schliefen wir den Schlaf der Gerechten bis um ½ 8 Uhr. Der Regen hatte aufgehört, und Sepp ruderte mich wieder hinüber zum Schrainbachweg. Ich hatte mich entschlossen, mit ihm hinaufzugehen zur Funtenseehütte, und dort gutes Wetter abzuwarten. So schnell gab ich mich ja nun nicht geschlagen. Das war also am Sonntag früh. Bis zum Donnerstag war das Wetter unsicher. Ich machte allein ein paar Touren im Steinernen Meer, Hundstod, Funtenseetauern usw. Es verging aber kein Tag, an dem nicht zumindest ein Gewitter niederging, wo ich tüchtig gewaschen wurde. Als ich am Donnerstagmittag von einem kleinen Trip aus dem Baumgartl zurückkam, rief mir Sepp zu: „Packens ‚zamm, in oaner Stund steign ma ab nach Barthlmä, i moan, dös Wetter halt.“ Der Walkürenruf konnte nicht schöner klingen, als diese Worte in meinem Ohr. Schnell waren Wetterschutz und Proviant zusammengepackt, und um 4 Uhr stiegen wir ab. Zwischen Unterlahneralm und Schrainbachholzstube ging dann wieder das traditionelle Gewitter los. Aber lange nicht so heftig wie an den Vortagen, und es verzog sich auch sehr schnell, und bald schien wieder die Sonne. Meine Hoffnungen auf Schönwetter waren jedoch merklich gesunken, und als ich nachher mit Sepp im Kahn saß und wir nach Bartholomä hinüberfuhren, jagte der Sturm dicke Wolken über den See. Als wir ausstiegen, war es jedoch schon wieder ruhiger und heller. Weit und breit war kein Mensch auf Bartholomä zu sehen. Die Einheimischen hatten sich längst in ihre Wohnungen zurückgezogen. Ich saß auf einer großen Baumwurzel im See, der jetzt glatt wie ehr Spiegel dalag. Ab und zu sprang ein Fisch hoch, dann spielten eine Zeitlang kleine Kreise über der Stelle im Wasser. Sonst kein Laut. Alle Unruhe, alles Sehnen war für diese halbe Stunde von mir gewichen. Ich war ganz ruhig geworden durch all das Große, das mich umgab. Ich hätte immerzu nur dort sitzen mögen, und mir war es auch beinahe, als säße ich schon tausend Jahre dort. Es ist etwas ganz Eigenes um all die Schönheit in Bartholomä, vorausgesetzt, daß keine lärmenden Ausflügler dort sind. Der kurze, harte Schlag der Turmuhr schreckte mich aus meiner Traumverlorenheit auf. Die Unruhe kehrte zurück und mit der Unruhe das Sehnen und mit der Sehnsucht die Gedanken an die Ostwand, an den morgigen Tag. Ich begann auf das Wetter zu schauen und war wieder von all den kleinen menschlichen Sorgen erfüllt. Der Vorhang, hinter den ich in ein fernes, für uns Menschen nicht erreichbares Land hatte blicken dürfen, war wieder zugezogen. Man hat eben weiter Mensch zu sein und muß das Dasein mit all seinen Freuden und Leiden, mit seinem Hoffen und Warten, seinem Lieben und Sehnen leben und kann nicht von der vorgeschriebenen Bahn abweichen. Aber man wird stark durch dieses Nachinnenschauen. Man ist irgendwie herausgefordert und will sich um jeden Preis das vom Leben abtrotzen, das einem als Ideal vorschwebt und zu dem man sich mit allen Fasern seines Herzens hingezogen fühlt. All das Passive, in das ich vorhin durch die „Schönheit, die man nicht ergreifen kann“, verstrickt war, fiel von mir ab. Ich stand auf, reckte die Arme und war mit einem Male ganz wach. Hell und klingend, wie eine Sturmfanfare fuhr ein Wort durch meine Seele: Watzmann-Ostwand. Ich schlief sofort ein und schlief so lange, bis der Wecker um 4 Uhr sich buchstäblich selbst vom Tisch rasselte und mit einem nicht zu überhörenden Bums zu Boden fiel. Ein Sprung vom Lager, hinein in die Buxen und das Wetter betrachten, war das Werk einer halben Minute. Es war zwar warm, hatte in der Nacht jedoch nicht geregnet, und Mond und Sterne leuchteten durch die Baumwipfel. Wir frühstückten behaglich und in aller Ruhe, packten dann ebenso ruhig Proviant und Wetterschutz zusammen, schulterten die Rucksäcke, verschlossen die Hütte, faßten nochmal auf den Türdrücker, um zu sehen, ob die Tür auch ja richtig verschlossen war, und um punkt 5 Uhr marschierten wir ab. Es kam mir so vor, als ob wir mit all diesem umständlichen Tun das Eigentliche noch ein wenig hinausschieben wollten, um möglichst lange die Situation auskosten zu können, den Aufbruch vor einer großen Bergfahrt. Sepp pfiff leise das Lied vom Westerwald vor sich hin; ich ging schweigend neben ihm solange, bis die Stelle kam „über deine Wipfel pfeift der Wind so kalt, doch der erste Sonnenschein“, diese Stelle pfiff ich dann mit. Mond und Sterne verblassen langsam, die Wand liegt ohne jede Wolke frei vor uns. Wir treten aus dem Wald heraus aufs Geröll, dann auf den Lawinenkegel der Eiskapelle. Um 6 Uhr 15 Minuten haben wir die Randkluft erreicht. Im Osten steigt langsam die Sonne hinter dem Rotpalfen herauf. Gelbgrünrosarot, in allen Farbtönungen leuchtet der Himmel, bis alle Farben in flüssigem Goldglanz ertrinken. Wir haben inzwischen das Seil angelegt und haben nun für nichts anderes mehr Gedanken als für den vor uns liegenden Weg. Die Randkluft war sehr breit. Sepp schlug einige Stufen in den Firn, dann ging es erst an dem Firn hinunter und mit einem weiten Spreizschritt hinüber auf kleingriffigen Fels. Sepp war schon drüben; gerade wollte ich die Reise über die Randkluft antreten, als wir von einem Bergsteiger angerufen wurden, der weiter oben versucht hatte, die Kluft zu überschreiten, was ihm jedoch nicht geglückt war. Es war ein Wiener aus der Bergsteigerriege des OeGV. Er bat uns, ihn mithinüberzusichern. Auch ich überschritt jetzt die Randkluft, und dann holten wir den Wiener. Wir haben ihn auf seine Bitten hin nachsteigen lassen, ohne ihn mit an unser Seil zu nehmen; nur bei den schweren Stellen gab Sepp ihm Seilsicherung. Über leichten, mit Rasen durchsetzten Fels gelangten wir um ½ 8 Uhr etwa zur ersten Terrasse. Hier eine kleine Schnaufpause von 5 Minuten. Da sahen wir auf ungefähr 100 m Entfernung ein Gams äsen. Weiter! Über schmale und breitere Felsbänder, über Blöcke und Geröll gelangten wir zu einem kleinen Wandabbruch, bei dem an ausgesetzter Stelle mit wenig Griffen für die Hand ein sehr weiter Spreizschritt ausgeführt werden mußte, der Leuten mit langen Haxen kein Kopfzerbrechen macht. Aber auch ich kleine Person habe mich ebenso gedehnt – es ist unglaublich, wie lang man sich manchmal machen kann – daß ich die Stelle schnell zu meiner und Sepps Freude überwand. Ein Fußwechsel auf gleichem Standplatz, links etwas hinausfallen lassen, mit der linken Hand etwas weiter oben einen Pfundsgriff erhaschen – und hinüber ist man. Um 8 Uhr standen wir am Beginn des Schöllhornfirnes. Beinhart war der Firn. Es stieg sich gut. Die Neigung fand ich beträchtlich. Ungefähr 45-50 Grad mags sein. Als wir etwa in der Mitte des Firnfeldes angelangt waren, hörten wir mit einem Male ein Dröhnen und Poltern in der Wand, und da kamen auch schon die ersten Brocken und gar keine kleinen. Sie zischten etwa 10 in entfernt von uns den Firn hinunter. Trotzdem man weiß, daß die Wand steinfallgefährlich ist und man mit Steinen zu rechnen hat, bekommt man doch immer wieder einen Schreck.

(Fortsetzung folgt.)

Der Bergbote

Nr. 9, 3. Jahrgang, September 1951

Aus der Bergwelt

2000 Meter Fels (Zum Gedenken an Sepp Kurz +)

Von Hanna Zernickow

(Fortsetzung und Schluß)

Um 8 Uhr 45 Minuten hatten wir die Randkluft an den Schönhornplatten erreicht. Die war lange nicht so schwierig, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Gegenüber der Randkluft an der Eiskapelle war dies direkt ein Kinderspiel. Ein Schritt vom Firn auf den Fels hinüber, und schon lag die Kluft hinter uns. Schuhwechsel ! Was nun kam, war ziemlich haarig. Die Schöllhornplatten sind gar keine Platten im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern mehr Felspfeiler. Durch den vielen Regen der letzten Tage gingen gerade über unseren „Weg“ so bessere Wasserfälle herunter. Ein Ringhaken steckte in der Wand. In diesen klinkte Sepp den Karabiner ein und in diesen wiederum das Seil. Nach ein paar Metern verschwand er um die Kante. Das Seil lief glatt durch den Karabiner, und dann ertönte das Wort „Nachkommen“! Ja, alsdann packen mirs. Im Nu war ich patschnaß. Griffe und Tritte waren durch das Wasser glitschig und schmierig, da hätte man eigentlich so schnell wie möglich drüber hinweg müssen. Das ist leichter gesagt als getan. Denn ich mußte erst noch das Seil des Wieners, das er mir mit hinaufgegeben hatte, bedienen, um ihn zu sichern, und dann erst konnte ich weiter. Da stand ich nun, hielt mich mit der einen Hand an irgendeinem glitschigen Felsvorsprung „fest“ und bediente mit der anderen Hand, über die das Wasser nur so hinwegschoß, den Karabiner. Endlich war das Stück Arbeit geschafft, und ich konnte weiter klettern. Was jetzt kam, war nicht direkt Überhang zu nennen, aber man wurde vom Fels ziemlich hinausgedrängt; dabei schoß mir das Wasser zum Hals und zu den Ärmeln hinein, kurzum, diese drei, vier Meter waren ziemlich ungemütlich. Dann endlich stieg ich um die Kante herum, und nach ein paar Metern etwas. trockener Kletterei, die dadurch viel mehr Freude machte, stand ich beim Sepp. Durch die Schwierigkeit solcher Stellen wird die Sache ja erst interessant, und daß ich da wie ein begossener Pudel ankam konnte meine Freude über diese Kletterstelle nicht im geringsten beeinträchtigen. Ein paar Meter höher kamen wir zum „Zeller Loch“, eine geräumige Höhle, in der das Wandbuch hinterlegt ist. Die Schlüsselstelle hatten wir ja, nun glücklich überwunden. Hier ließen wir uns zur Frühstücksrast nieder. Wir setzten uns gemütlich zurecht, die Beine baumelten ins Leere, und während wir unsere „Brotzeit“ verzehrten, konnten wir unsere Augen auf die Reise schicken. Landschaftlich ist diese Tour wohl kaum zu überbieten. In der Tiefe der See und am Horizont in unvergleichlicher Klarheit die Berge: Wie ein blanker Silberschild die Übergossene Alm, dahinter Hochkönig, dann weiter östlich der Dachstein und südlich die Hohen und Niederen Tauern. Einzelheiten kann man ja gar nicht alle aufzählen. Nachdem wir noch schnell unsere Namen in das Buch eingetragen hatten und uns einen letzten Schluck aus der Feldflasche einverleibten, gings also weiter. Es begann jetzt ein herrliches Klettern, doch nach einer Viertelstunde etwa hörten diese Kletterstellen auf, und die Route ging mehr in ein Steigen über. Wir waren auf dem dritten Band. Das Steigen dauerte glücklicherweise nicht lange, und dann kam der Umstieg auf das vierte Band. Hier war die Welt wieder mit glatten, wasserüberronnenen Platten vernagelt: kein einziger Griff und kein rechter Tritt, nur ein ganz schmaler Riß, in dem ein paar Finger der rechten Hand Platz hatten und weit oben eine kleine Mulde für die linke Hand. Für die Füße war nichts da, und die Hände rutschten durch die Nässe aus dem Riß und aus der Mulde auch wieder heraus. Aber schließlich war ich doch über diese Stelle hinweggekommen. Wie ich es gemacht habe, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich glaube, ich habe das rechte Bein soweit gestreckt, daß es Widerstand an einem Felsblock fand, und die linke. Hand hat für einen Augenblick doch Halt in der Mulde gefunden, so daß ich den Körper hochschwingen konnte. Im selben Augenblick fand oben die rechte Hand einen vernünftigen Griff, und es war wieder einmal geschafft. Doch jetzt wird es wunderschön: nie so schwer wie die eben beschriebene Stelle und auch wieder nicht so leicht, daß es uninteressant wird. Eine Stelle muß ich noch besonders erwähnen. Sepp machte eine Bemerkung, daß wir uns jetzt eine Weile nicht verständigen könnten, ich solle gut aufpassen und achtgeben aufs Seil. Dann verschwand er um eine Ecke. Hinter dieser Kante schien der Fels überhaupt abzubrechen und ein Weiterkommen unmöglich. Sepp war aber doch vorwärtsgekommen, und da war ich mächtig gespannt, wie es nun wohl hinter dieser Kante aussehen würde. Die Wand weicht hier zurück, so daß sie mit dem bereits vor der Kante durchkletterten Teil einen spitzen Winkel bildet. Dieser nun vor mir liegende Teil war eine aalglatte Platte, die horizontal von einem Leistchen durchzogen war, auf dem die Füße, d. h. die Zehen Platz hatten, und gerade in Schulterhöhe war der Fels an einigen Stellen eingebuchtet, so daß kleine, aber feste Griffe für die Hände vorhanden waren. Nach einigen Metern brach das Leistchen ab, und man mußte sich auf einen Block hinüberschwingen, und damit lag dann die größte Exponiertheit hinter einem. Dies ist eine der schönsten Kletterstellen in der ganzen Wund, das sogenannte Kaserereck. Hier tankten wir nochmal Wasser in unsere Feldflaschen. Da rief es mit einem Male von oben herab „Bergheil!“ Ein Alleingänger aus Schwerin i. Meckl., wie wir unten im Wandbuch festgestellt hatten, turnte über uns auf einem anderen Wege herum und rief uns diesen Gruß zu. Um ½ 2 Uhr erreichten wir nach einer mit Eis- und Firnschnee angefüllten Rinne eine große, etwas geneigte Platte, auf der wir uns zur Mittagsrast niederließen. Es war die Dabelsteinplatte. Der Blick ins Land hinaus war noch viel schöner geworden, als unten beim Zeller Loch, und das Wetter war noch immer prima. Ganz klein lagen Königssee und Bartholomä zu unseren Füßen. Wir waren nun schon in der Gipfelschlucht angelangt. 700 Meter Fels. lagen noch vor uns. Es ist nicht im eigentlichen Sinne eine Schlucht, sondern es sind vielmehr eine ganze Reihe von Rissen, die Ausstiegsrisse, die zur Südspitze des Watzmanns und zum Grat hinaufleiten. Kurz unterhalb des Gipfels kam dann nochmal eine recht schwierige Stelle. Es war eine glatte senkrechte Wandstelle mit sehr kleinen Griffen, über die man sich mit ein wenig Schneid hinwegschwindeln mußte. Um 3 Uhr 55 Minuten betraten wir den Gipfel der Watzmann-Südspitze, genau 9 Stunden und 40 Minuten seit unserem Einstieg bei der unteren Randkluft an der Eiskapelle. Ich konnte es noch gar nicht begreifen, daß wir schon oben sein sollten. Aber wir waren auf dem Grat und nach ein paar Schritten auf dem Gipfel, das ließ sich nicht leugnen. Ich hatte mich so auf die Höhe der Wand eingestellt und hätte niemals geglaubt, daß wir in einer verhältnismäßig so kurzen Zeit durchkommen würden. Wir hatten, die Pausen abgerechnet, an reiner Kletterzeit 8 Stunden und 10 Minuten benötigt. Es war wirklich eine klassische Tour. Eine ganze Stunde saßen wir auf dem Gipfel und genossen die wundervolle Rundschau. Eine einzigartige Stunde war uns geschenkt, und sie wog alle die Touren auf, die ich in diesem verregneten Sommer nicht machen konnte. Bis zum Chiemsee sahen wir hinaus. Den Dachstein sah ich wieder, Ankogel, Hochalmspitze, Niedere Tauern, Glockner, Kaiser, Loferer und Leonganger Steinberge und das ganze herrliche Steinerne Meer. Um 5 Uhr stiegen wir ab. Der Wiener verabschiedete sich von uns. Er ging zum Watzmannhaus, wo seine Frau ihn erwartete, und wir zur Wimbachgrieshütte. Von Westen her wälzten sich mit unheimlicher Geschwindigkeit dicke, schwarze Wolken herüber. Es sah nach Unwetter aus, und das wollten wir auf keinen Fall auf dem Grat erleben. Also schnell abgestiegen. Um ½ 6 Uhr ging der Regen los. Nach ziemlich nassem Abstieg betraten wir um 20 Minuten nach 8 Uhr abends die Wimbachgrieshütte. Das Essen schmeckte jetzt aber – und erst das Bier! Müde waren wir noch gar nicht, denn die Tour hatte uns trotz der glühenden Hitze im Aufstieg kaum angestrengt, und so blieben wir noch ein Weilchen sitzen, erzählten uns noch dies und das von der Wand, und ich ließ das ungeheure Erleben langsam abklingen. Wir wollten uns gerade auf die Lager begeben, da trat der Schweriner in die Hütte. Wir beglückwünschten uns gegenseitig zu der gelungenen Bergfahrt, und nun mußte erst noch gemeinsam die Ostwand „begossen“ werden. Wir saßen noch ein Weilchen gemütlich beisammen, und während des Gesprächs stellte es sich heraus, daß der Schweriner ein Freund vom Dr. Kugy war. Nun fielen mir aber doch so langsam die Augen vor Müdigkeit zu. Vorm Schlafengehen ging ich nach alter Gewohnheit nochmal vor die Hütte und schaute hinauf zu den Sternen und zu „den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt“. Ein Wort von Ludwig Purtscheller ging mir dabei durch den Sinn:

„Ja, dort oben weht noch freier Weltenodem,

da grüßt die Ferne und ihre Schwester die

Sehnsucht, da fühlen wir uns als ein Teil

des Unendlichen, weil wir an dem Genusse

des Unendlichen teilnehmen.“

Der fünfte Weg – In der Falllinie der Gipfelschlucht

Nach den Erstbesteigungen im Winter auf dem Berchtedgadener und Münchener Weg eröffnete eine weitere Frankfurter Seilschaft einen fünften Weg in der Ostwand.

Fritz Krämer und Werner Kohn gelang am 02.08.1949 die Erstbegehung einer direkten Linie, des Frankfurter Weges.

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., November 1949 – Nr. 8

Der „Frankfurter Weg“ durch die Watzmann-Ostwand

In der Fallinie zur Giplelschlucht

Auf vier verschiedenen Wegen ist die höchste Felsenmauer der Ostalpen bislang durchstiegen worden. Respektvoll meiden alle Pfade die Fallinie. Auf dem Weg zum Gipfel wird der Körper durch die 2000 m Höhendifferenz auch, ohnehin mehr als genug beansprucht. Ernstere Schwierigkeiten bietet auf allen Wegen nur die Schlüsselstelle. Dies gilt auch für den „Salzburger Weg“ (einige Seillängen überaus).

Als der Gedanke auftauchte, in dieser Wand einen direkten Gipfelweg zu suchen, hatten wir den Fels auf verschiedenen Wegen zu allen Jahreszeiten kennengelernt. Der Winterdurchstieg im März 1949 gab uns das Vertrauen in unsere Ausdauer und Findigkeit. Trotz Föhn, Nebel und Schneefall hatten wir am Gipfel noch genügend Reserven, um den verwächteten Grat und die Schneeschwimmerei bis Wimbachbrücke am gleichen Tage mit ruhigem Gewissen zu riskieren. Die neue Route ist leicht auffindbar. Dort, wo der Münchener Weg das Salzburger Band erreicht, erhebt sich ein Turm. Stufenlos fällt, durch einen schlanken Grat senkrecht gestellt, die Wand zur Eiskapelle, einem aufrechtstehenden Dreieck ähnlich. Ein Rinnen- und Kaminsystem durchzieht den Fels, das Dreieck halbierend. In Höhe des Schöllhornfirns unterbricht ein vielleicht 45 Grad geneigter Gras- und Schroffenhang für zwei Seillängen die Senkrechte, ohne aber einen brauchbaren Rastplatz aufzuweisen.

(Fortsetzung folgt!)

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., Dezember 1949 – Nr. 9

Der „Frankfurter Weg“ durch die Watzmann-Ostwand.

In der Fallinie zur Gipfelschlucht

(Fortsetzung und Schluß.)

Das große Fragezeichen war der kurz-kristallinische Ramsaudolomit. Da in ihm kein Haken sitzt, erschien es sehr fraglich, ob man an den schwersten Stellen durchkommen würde. Mit den Kameraden unserer Bergsteigergruppe machten wir zehn Tage lang schöne Fahrten in den Berchtesgadener Bergen. Dann nützten wir die erste Gelegenheit zur Eingehtur. Die direkte Westwand des Kleinen Watzmanns war der rechte Prüfstein.

Der geplante Weg entsprach in unserer Vorstellung etwa dieser Route. Bis auf die Brüchigkeit hat sich diese Annahme auch später erwiesen. Mit einer Bombenstimmung landeten mein Kamerad Fritz Krämer und ich abends in Bartholomä. Gern ließen wir uns von Frau Aschauer in das Lager für die „Ostwandler“ weisen. Für diese Einrichtung gebührt der Sektion Berchtesgaden noch ein besonderer Dank. Milde stolperten wir in der Nacht hinter dem Schein unserer Laternen zum Einstieg. Um sechs Uhr sprangen Fritz und ich, die Gummipatschen und die Eiskapelle verfluchend, in der Fallinie unseres Weges über die Randkluft. Bewundernd musterten wir die herrlichen gotischen Bogen im Schlund zwischen Eis und Fels, die teilweise bis zu 100 m freitragend In oft großem Abstand vom Fels eisig aus der Unterwelt zum Licht wuchsen. Einen heißen Tag verkündend sandte die Sonne ihre Strahlen. Bald erreichten uns die glühenden Pfeile. Zwei 40 m Seile, 25 Mauerhaken, 16 Karabiner, Hämmer. Repschnüre, Zeltsack, Verpflegung und die anderen unentbehrlichen Dinge machten sich „drückend“ bemerkbar. Direkt über einer Quelle, die in starkem Strahl waagerecht aus der Wand schießt, war der Einstieg. Zum letztenmal konnten wir trinken – wohl wissend, welche Köstlichkeit Wasser ist. Höflich fluchend mußten wir im brüchigen Dolomit aufwärts. Nicht lange, und wir verzichteten auf alle Höflichkeit. In bösem Fels schindeten wir uns durch Rinnen und Kamine. Ohne Hakensicherung ging es über bröckelnde überhänge. Hart drückte die schwere Schlosserei. Doppelt hart, weil sie durch den Dolomit fast überflüssig war. Der größte Gegner aber: die Sonne. Am glühenden Fels wurden wir langsam geröstet. Unlustig rollte die geschwollene Zunge die Pflaumenkerne. Bald war es Mittag, und noch nicht die Hälfte des neuen Weges lag unter uns. An einem leidlich schattigen Plätzchen verschnauften wir für kurze Zeit. Doch der Durst trieb uns weiter. Im stets überaus schweren Fels wurde wegen der Brüchigkeit das letzte von uns gefordert. Immer wieder wunderten wir uns, daß durch ausbrechende Griffe und abrollende Steine noch nichts passiert war. Da erwischt es mich doch. Ich stehe gespreizt in einer seichten Verschneidung, mit der linken Hand gegen den Fels gelehnt, die Rechte im Untergriff hinter einem Stein. Plötzlich löst sich der große Block. Machtlos muß ich zusehen, wie meine Zehe gequetscht wird. Gottseidank flog ich nicht hinaus. Trotzdem wurde mir ganz eklig, zumal unten die Randkluft der Eiskapelle lauerte. Endlich erreichten wir den Grashang mit einer Ausweichmöglichkeit zum Schöllhornkar. (Hier kann man vom Biwakblock auch günstig einqueren.) Aber mit zusammengebissenen Zähnen ging es müde und durstig weiter. In der rechten kaminartigen Rinne verklemmten wir uns zu einer kurzen Rast. Die stechende Sonne hatte uns zermürbt. Wohltuend wirkte der Schatten. Langsam kehrten die Lebensgeister wieder. Essen konnten wir leider nichts, der Durst nahm uns den Appetit. Hier legten wir das Doppelseil an. Aufatmend übergab ich Fritz die Schlosserei. Endlich sah der Rucksack tragbar aus. Wenn nur die geplatzte Zehe und der Durst nicht wären! Aus dem Kamin wechselten wir über die trennende Rippe an die linke Wandseite. Endlich hielten auch die Haken. „überaus oben“, wenn nicht gar „äußerst“ erschien uns diese Seillänge, Durch die Sturzhaken und das Doppelseil war die seelische Beanspruchung hier aber das geringste. Bis hierher hatte Fritz geführt. Jetzt hatte ich das „Vergnügen“. Ein saftiger Quergang, ein Überhang und wieder ein Quergang führten zu einem sehr dürftigen Stand. Langsam verblaßte die Sonne. Nur der unerträgliche Durst trieb uns noch vorwärts. Wir mußten unbedingt Wasser finden. Bis zur Biwakhöhle auf dem ersten Band war aber noch ein weiter Weg. Endlich, gegen neun Uhr, standen wir auf dem Münchener Turm, nachdem uns ein Quergang (von rechts nach links) dicht unter dessen Gipfel noch einmal den Weiterweg sperren wollte. Ehe wir die Unterbrechungsstelle erreichten, dunkelte es bereits. Da fanden wir, nachdem wir fast fünfzehn Stunden überaus harter Kletterei hinter uns hatten und durch den ausgetrockneten Gaumen, die geschwollene Zunge und die geplatzten Lippen am Ende waren, köstliches Wasser. Wie Tiere stürzten wir uns darauf. Mit welcher Gier wir tranken, kann nur der ermessen, der Ähnliches mitgemacht hat. Nach unserem Plan wollten wir in der Höhle auf dem Salzburger Band biwakieren. Da wir jedoch bereits Wasser hatten, waren wir über unser Nachtquartier im Zweifel. Unser Zögern wurde schnell beseitigt: Stimmen erklangen aus der Biwak-höhle. Dicker Nebel weckte uns am anderen Morgen. Eben sahen wir noch die beiden Berchtesgadener im Sturmschritt verschwinden, da waren auch wir munter. Ohne Frühstück, kaum angeseilt, sausten wir

los, An der Unterbrechungsstelle fielen die ersten Tropfen. Schnell wurde das Seil abgelegt, und alles warme Unterzeug im Rucksack verstaut. Lediglich mit dem Anorak bekleidet, stürmten wir weiter. Bald hatte uns der Regen völlig durchnäßt. Mit größtem Tempo schwammen wir aufwärts. Sicher fanden wir durch den dichten Nebel den Weg.

Selbst als wir die Kaminreihe wegen Steinschlagkanonaden nicht passieren konnten, blieb uns Fortuna treu. Das Band am Fuße der Kamine führte uns, nach links sanft ansteigend, in günstiges Gelände. Aus dem Eisregen wurde dicker Hagel. Die aufgeweichten Finger wollten in der Kälte nicht mehr mitmachen. Aus Sorge vor der Unterkühlung verklemmten wir uns in einer Spalte, stülpten den Zeltsack über und legten uns mit der vorher ausgezogenen Unterkleidung trocken. Bald waren wir wieder durchwärmt. Bis auf den Notproviant aßen wir unsere Vorräte zusammen. Erst als mein Gefährte zum zweitenmal auf meine Matschzehe trat, brachte uns die folgende Schimpferei wieder so in Schwung, daß wir weitersausten. Ohne Verzug ging es vom Gipfel auf der anderen Seite abwärts, Richtung Wimbachgries. Meine Zehe hübsch hochhaltend, rutschten wir nach dem Takt ellenlanger Flüche bis zur Wimbachhütte. Vor der Tür stiegen wir noch kurz in die Regentonne, um uns für den Hüttenbesuch schön zu machen. Dann schlidderten wir durch die überfüllten Räume in die Küche, dem wärmenden Herd zu. Leider hatte der Hüttenwirt für unsere Triefspur gar kein Verständnis, so daß wir kälteschlotternd aus Angst vor einer Lungenentzündung im Dauerlauf bis zum Wimbachschloß rannten. Hier wurden wir langsam wieder zu Menschen.

Den Rest der fehlenden Kalorien holten wir uns „dank unserem kreditwürdigen Auftreten“, bei Mutter Jochner in den Palvenhörnern. Sie drohte zwar wieder einmal mit mächtigen Schlägen, konnte aber nicht verhindern, daß wir noch am selben Abend mit unseren Gummischlappen zu den Kameraden auf Kühroint pilgerten, und die Hütte nicht einmal auf dem Zahnfleisch erreichten. Bis ½ 2 Uhr wurde noch tüchtig gegessen und vor allem getrunken, dann fielen uns die Augen zu, denn in den letzten vier Tagen hatten wir, alles in allem, kaum 12 Stunden geschlafen.

Werner Kohn.