REDAPA @ Watzmann – Auf der Spur der Rampe unter der gelben Wand (1/5)

REDAPA stellt eine Art der geschichtlichen Forschung dar, welche im Rahmen eines anderen Projektes entwickelt worden ist.

Nachdem der Entschluss gefallen ist, Routen und Führen am Watzmannstock zu inventarisieren und darzustellen lag es nahe REDAPA anzuwenden.

Die Recherche und Erschliessung möglicher Quellen erfolgt dabei auf Basis vorhandener Sekundärliteratur.

Auf den Watzmannstock bezogen waren dies

  • Helmut Schöner – 2000 Meter Fels, Ausgaben 1981 und 2014
  • Franz Rasp – Watzmann Ostwand Führer, Ausgaben 1981 und 2013
  • Max Zeller/Helmut Schöner – Alpenvereinsführer Berchtesgadener Alpen, Ausgabe 1986

Mein Interesse an der Rampe unter der gelben Wand wurde durch die entsprechende Passage im Ostwandführer des Jahres 2013 geweckt.

Hier wurde als Variante des Berchtesgadener Weges eben diese Rampe unter der gelben Wand, Schlebrügge-Rampe, und auch der sogenannte „Polenweg“ erwähnt.

Rasp, Watzmann-Ostwand, Bergverlag Rother Gebietsführer, München, 2013, Seite 70

Was hatte es denn nun mit diesen, mir bisher unbekannten, Wegen auf sich und wie stellte sich deren Geschichte und Führe dar ?

Die beste Möglichkeit der weiterführenden Recherche bot sich hier durch Nutzung des Onlineangebots der Alpinbücherei Innsbruck.

Online OPAC

Mit den entsprechenden Suchergebnissen erhält man folgend dann Zugang zu weiterführenden Quellen und kann diese entsprechend auswerten.

Erste Ergebnisse der Recherche
  • Informationen zur polnischen Expedition des Jahres 1973
  • Tourbericht von Georg von Kaufmann und Beda Hafen
  • Neutourinformation über eine Begehung durch Hans von Schlebrügge und Usch Himminghoffer
Österreichische Alpenzeitung, 1954
  • Tourbericht von Paul Bernett und Hans von Schlebrügge
  • Leserbrief von Max Gruber
  • Leserbrief von Hans von Schlebrügge
Zwischenfazit

Die ÖAZ Meldung trägt nicht zur Feststellung der Priorität für die Begehung der Rampe unter der gelben Wand bei.

 

 

Wetterumschwung – Tod in der Ostwand

Salzburger Volksblatt, 22.06.1922

Das Drama auf dem Watzmann

Wie gestern gemeldet, hat der Watzmann am Sonntag mehrere Todesopfer gefordert, und zwar wurden zwei getrennte Partien, die über die Watzmann-Ostwand dem Gipfel zustrebten, durch das Unwetter besiegt. Die erste Partie, die trotz des schlechten Wetters schon um 3 Uhr früh von St. Bartholomä am Königssee aufbrach, um den Aufstieg über die  Watzmann-Ostwand, eine der schwierigsten Kletterpartien in den Berchtesgadener Kalkalpen, zu unternehmen, bestand aus dem Kaufmann Josef Aschauer aus Berchtesgaden, dem 21-jährigen Angestellten der Einkaufsgenossenschaft Berchtesgaden Josef Stangassinger, dem gleichaltrigen Bautechniker Karl Diensthuber aus München und dem Bauschüler Wilhelm Pöhlmann von dort. Die vier erreichten trotz des inzwischen eingetretenen Witterungsumschlages unter unsäglichen Anstrengungen, im Schnee und Regen vorwärts tastend, die letzte Steilwand vor dem Watzmanngrat, als Diensthuber nachmittags halb 4 Uhr infolge der Überanstrengung nicht mehr weiterkonnte und erschöpft zusammenbrach. Er war an Herzlähmung gestorben, seine Kameraden konnten sich selbst nur mühsam weiterschleppen und mußten die Leiche liegen lassen. Am Watzmanngrat war der Schneesturm noch fürchterlicher, die Touristen waren nicht mehr in der Lage, ihre Rucksäcke zu öffnen, da ihre Glieder gefroren waren. Durch wiederholte Stürze erlitten sie kleinere Verletzungen, die sie sich nicht mehr verbinden konnten, so daß sie arg zerschunden in eisiger Kälte weiterirren mußten, hinab zum Hocheck und dem Münchner Haus zu. Da stürzte auch nächst dem Hocheck der junge Stangassinger, ums ich, zu Tode erschöpft, nicht wieder zu erheben. Aschauer blieb bei ihm. Pöhlmann suchte abwärts zu steigen. Der weiße Tod forderte sein zweites Opfer: Stangassinger starb gegen Abend an Überanstrengung, auch waren ihm die verletzten Gliedmaßen bereits erfroren. Aschauer, touristisch und gesundheitlich noch in halbwegs guter Verfassung, aber auch stark er schöpft, hatte die Knie und Füße erfroren. Er unternahm, seiner drei Freunde ledig, allein den Abstieg und erreichte auch glücklich das Watzmannhaus.

Kurz nach Aufbruch der vier jungen Leute, gegen 4 Uhr früh, hatte eine weitere Partie von drei Mitgliedern der Akademischen Sektion München, der bekannte Alpinist Otto LeixI, Dipl. -Ing. aus München, Dr. F. Kaußler aus Landau in der Pfalz, 24 Jahre alt, und der 23-jährige Dr. Karl Ehrensperger aus Traunstein, von Bartholomä aus die Watzmann-Ostwand zu ersteigen versucht. Aschauer und Pöhlmann erzählten, daß diesen der Durchweg durch die Ostwand gelungen sein mußte, denn sie wurden von ihnen 200 Meter unterhalb der Mittelspitze beobachtet. Da sie aber am Montag vermißt wurden, begab sich Montag mittags eine aus acht Mann bestehende Rettungsgesellschaft zur Suche über das Wimbachtal und Watzmannhaus nach dem Grat, wo ein Rucksack gefunden wurde, der von dieser Partie stammt. Am Dienstag fand man die Leichen der drei Touristen am „Hohen Einstieg“, kaum eine halbe Stunde oberhalb des Watzmannhauses, erfroren.  Alle drei waren von der Ostwand-Südspitze herübergewandert und brachen kurz vor dem Ziele erschöpft zusammen.

Am Dienstag trugen die Berge bis auf 1700 Meter herab Neuschnee. Schon am Samstag nachmittags ging über den östlichen Teil Berchtesgadens, die Gern, Metzenleiten, Salzberg und Au ein schweres Hagelwetter nieder, so daß am Sonntag noch Hagelkörner auf den Feldern gefunden wurden. Im Treibhaus des Distriktskrankenhauses wurden alle Fensterscheiben eingeschlagen.

Über die Katastrophe, die die Partie Leixl, Ehrensperger, Kaußler betraf, wird noch gemeldet: Sonntag früh gegen 4 Uhr machte sich trotz der ungünstigen Witterung (es herrschte dichter Nebel und der Regen fiel seit Samstagnachmittag ununterbrochen) eine Partie von drei Mitgliedern der Akademischen Sektion München, darunter der bekannte Alpinist Dr. Otto Leixl von München, aus, um von St. Bartholomä aus die Watzmann-Ostwand zu ersteigen. Aus ihrer Partie gelangten sie später in einen fürchterlichen Schneesturm, konnten aber noch unter der wackeren Führung Dr. Leixls die Südspitze erreichen. An der Mittelspitze mußten Dr. Leixl und Karl Ehrensperger den völlig erschöpften und erfrorenen Dr. Kaußler zurücklassen, um sich selbst vor Einbruch der Dunkelheit noch vor dem Tode retten zu können. Aber leider gelang ihnen auch dies nicht mehr. Eine halbe Stunde vor dem sicheren Schutz, dem Münchner Haus, am hohen Einstieg, unterhalb des Hocheck, haben auch sie die Kräfte verlassen; sie sind infolge Erschöpfung und mit erfrorenen Gliedern, ein Opfer ihrer geliebten Berge geworden. Die Leichen der beiden letzteren wurden gefunden, während Dr. Kaußler noch vermißt wird. Er dürfte aber kaum noch unter den Lebenden weilen. Lediglich sein Rucksack wurde gefunden. Die Toten werden am Mittwoch zu Tal nach Berchtesgaden gebracht. Wie Alpinisten berichten, ist es fast unglaublich, daß die Münchner Touristen bei dem furchtbaren Unwetter noch so weit gekommen sind, was nur der guten Führung des Dr. Leixl und der zähen Ausdauer zuzuschreiben ist.

Salzburger Volksblatt, 28.06.1922

Das Unglück auf dem Watzmann

Dr. E. H. berichtet in der „M. A. A.“, daß nach dem Berichte des überlebenden Herrn Aschauer-Berchtesgaden sich das Drama auf dem Watzmann in folgender Weife abgespielt haben dürfte.

Am Samstag, den 7. Juni, abends trafen sich in St. Bartholomä zwei Partien, die eine bestehend aus den Herren Aschauer, Diensthuber, Pöhlmann und Stanggassinger, die andere aus drei Mitgliedern der Akademischen Sektion München, den Herren O. Leixl, Ehrensberger und Kaußler. Beide hatten die Absicht, die Watzmann-Ostwand zu durchklettern. Am Sonntag wurde morgens drei Uhr im Abstande von einer Viertelstunde aufgebrochen. Das Wetter schien günstig zu sein. Durch die über dem Königsee liegenden Nebel blitzten einige Sterne hindurch. Vom alten Biwakplatz an gingen die beiden Partien gemeinsam. Unterhalb der „Schöllhornplatte“ fiel Nebel ein und es begann zu regnen. Trotzdem wurde die Platte ohne Schwierigkeit überwunden und um 7 Uhr das „Zellerloch“ erreicht. In dieser Höhle wurde gerastet, trockene Kleidung angezogen und abgekocht. Die schon ins Auge gefaßte Umkehr wurde aufgegeben, als um 9 Uhr, der Regen aufhörte, die Sonne herauskam und die Wand frei da lag. Um 11 Uhr wurde der „Frühstückstein“ am vierten Band erreicht. Hier fiel wieder Nebel ein, der allmählich in Dauerregen überging. Um 12 ½ Uhr wurde die Gratrippe erreicht, die gerade auf den Südgipfel leitet. Hier vergrößerte sich der Abstand beider Partien, da Dr. Kaußler, der an diesiem Tage in seiner Leistungsfähigkeit anscheinend beeinträchtigt war, von seinen Begleitern gesichert und unterstützt werden mußte. Leixl veranlaßte aber Aschauer, weiter zu gehen und nicht zu warten. Gegen den Gipfel zu ging der Regen in Schnee über, der aber an der warmen, im Windschatten liegenden Wand nicht liegen blieb. Um 3 ½ Uhr erreichte Aschauer, der im letzten Teile Diensthuber hatte ziehen müssen, mit seinen Begleitern den Südgipfel.

Von nun an waren sie der Gewalt des Schneesturms ausgesetzt, die Felsen waren mit Glatteis überzogen, die Tiefe des Schnees wuchs rasch an. Aschauer rieb den erschöpften Diensthuber ab, zog ihm warme Kleider an und gab ihm zu essen, so daß er zunächst wieder ganz gut weiter kam. Während dieser Zeit verständigte sich Aschauer durch Hallohrufe mit Leixl, der schätzungsweise 200 Meter, also etwa eine halbe Stunde, unter ihm war. Beim Aufstieg aus den Mittelgipfel wurde Diensthuber wieder schwach und mußte von Aschauer und Stanggassinger durch den „Kamin“ gezogen und gehoben werden. Auf dem Bande oberhalb des Kamins wurde Diensthuber bewußtlos, wehrte sich aber gegen die Versuche Aschauers und Stanggassingers, ihn zu tragen. Nun wurde Pöhlmann von Aschauer auf das Watzmannhaus vorausgeschickt, um Hilfe auf das Hocheckhüttl zu bringen. (5.45 Uhr.)

Nach vergeblichen Versuchen seiner Gefährten, ihn am Leben zu erhalten, starb Diensthuber um 6 Uhr. Stanggassinger hatte sich bei den Bemühungen um Diensthuber so überanstrengt und wurde durch den Tod seines Freundes so erschüttert, daß ihn Aschauer von nun an ziehen und schieben mußte.

So brachte er ihn etwa bis auf 100 Meter vor dem Hocheckhüttel. (7.15 Uhr.) Hier mußte er ihn liegen lassen und blieb bei ihm. Um 7 ½ Uhr starb Stanggassinger. Aschauer band die Leiche, wie vorher die von Diensthuber, an das Drahtseil an. Aschauer schleppte sich dann auf das Hocheck und stieg zum Watzmannhaus ab.

Kurz vor diesem traf er den Bewirtschafter Gschoßmann und einen Träger, die mit Decken und warmen Getränken zum Hocheckhüttl anstiegen. (8 ½ Uhr.) Da er im Hinblick auf die außerordentlich lange Zeit, die er wegen des Todes seiner beiden Begleiter für den Gratübergang gebraucht hatte,  annehmen mußte, daß die Partie Leixl bei Einschlagen des gleichen Weges ihn hätte überholen müssen, glaubte er, daß diese vom Südgipfel in das Wimbachgries abgestiegen sei und veranlaßte Gschoßmann zur Umkehr.

Am Montag wurden von Berchtesgadener Herren unter Leitung von Herrn Geiger die Leichen von Diensthuber und Stanggassinger bei tiefem Schnee geborgen. Dabei wurde der Rucksack des Dr. Kaußler an der Stelle, wo Diensthuber gestorben war, am Drahtseil angehängt gefunden. Am Dienstag vormittag wurden die Leichen von Ehrensberger und  Leixl eine halbe Stunde oberhalb des Watzmannhaufes, wenige Meter unter dem Grat, auf dessen Ostseite auf einem Bande  nebeneinander liegend gefunden. Sie wiesen keinerlei  Verletzung auf. Kleidung und Ausrüstung waren in gutem, ordentlichen Zustande. Die beiden Freunde scheinen bei einer kurzen Rast eingeschlafen zu sein. Am Mittwoch wurden sie von Mitgliedern der Akademischen Sektion, die zur Bergung zahlreich aus München herbeigeeilt waren, zu Tal gebracht.

Weitere Mitglieder durchforschten mit den Berchtesgadener Herren Aschauer, Geiger und Kurz den Grat nach Dr. Kaußler, jedoch ohne Erfolg.

Hoch anzuerkennen ist die selbstlose und opferwillige Mitarbeit der Berchtesgadener Bergsteiger.

 

Zwei Frankfurter Seilschaften greifen zur Winterkrone

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., Mai 1949 – Nr. 5

Frankfurter Bergsteiger bezwingen die Watzmann-Ostwand !

Winterbegehung des Berchtesgadener und des Münchener Wegs

Vier Mitglieder unserer Bergsteigergruppe, nämlich Reinhard Sander, Werner Kohn, Fritz Krämer (Sohn) und Karl Krämer (Vater), von denen die ersteren drei an einem von der Beratungsstelle einberufenen Lehrgang auf der Kührointalpe bei Berchtesgaden teilgenommen hatten, benutzten die anschließend kurze Zeit, die beiden legten der vier bekannten Durchstiege durch die Wattmann-Ostwand zu bezwingen. Werner Kohn und Reinhard Sander hatten schon im Sommer die Wand ausgekundschaftet und sich für den Berchtesgadener Weg entschieden. Karl Krämer in Seil-gemeinschaft mit seinem Sohn Fritz und dem Regensburger Oskar Dorfmann, wandten sich dem Münchener Weg zu. Beide Unternehmen nahmen einen erfolgreichen, glücklichen Verlauf. Diese gewaltige Leistung, die in der gesamten alpinen Welt berechtigtes Aufsehen erregt, erfüllt uns schon aus dem Grund mit ganz besonderer Freude und Genugtuung, weil sie eine Krönung der Arbeit unserer Bergsteigergruppe darstellt und zugleich beweist, daß die den hessischen Alpinisten zur Verfügung stehenden Uebungsfelsen einem zielstrebigen Bergsteiger die Möglichkeit geben, sich für Höchstleistungen vorzubereiten. Wir beglückwünschen beide Seilschaften zu ihrem Erfolg. Werner Kohn hat als Mitarbeiter der dreisprachigen Jugendzeitschrift „Der Weltläufer“, in der er zusammen mit Reinhard Sander die Artikelreihe „Die Berge und wir“ bearbeitet, über die erste Winterbegehung des Berchtesgadener Wegs eine Schilderung geschrieben, die wir in der nächsten Nummer veröffentlichen. Sie gibt uns einen Begriff von dem mit Können und – viel Glück gepaarten Draufgängertum unserer Bergsteiger. (Fortsetzung folgt)

 

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., Juli 1949 – Nr. 6

Frankfurter Bergsteiger bezwingen die Watzmann-Ostwand !

Wintererstbegehung des Berchtesgadener und des Münchener Wegs (Fortsetzung)

Die Wiederroute als Erkundungstur.

Von den vier durch die Watzmann-Ost-wand führenden Wegen sind bereits zwei im Winter begangen worden. Die Kederbacher Route hat bereits vier Winterbegehungen. Der Salzburger Weg wurde am 8., 9. und 10. Januar 1949 von den Bergkameraden Bernulf Freiherr von Hollerieth und Thomas Freiberger bezwungen. Unser Plan, einen der beiden letzten Wege im Winter zu versuchen, war lang vorbereitet. Schon im Sommer studierten wir sorgfältigst alle Möglichkeiten. Es erschien uns zweckmäßig, im Spätwinter einzusteigen und lieber die Lawinen in Kauf zu nehmen, als im Pulverschnee stecken zu bleiben.

Durch die Teilnahme an einem vom Alpenverein durchgeführten Lehrwartkurs (auf der Kührointalpe) kamen wir zur günstigsten Zeit nach Berchtesgaden. Leider ließ uns der Wettergott im Stich; acht Tage vor dem Einstieg schneite es ganz toll. Die dann folgenden schönen Tage lösten, wie die Beobachtung vorn dritten Watzmannkind ergab, zahllose Lawinen während der stärksten Bestrahlungszeit. Gern hätten wir vom Hocheck zum Südgipfel gespurtet; einmal um festzustellen, wie das Gipfelstück beschaffen ist, und zweitens, um nach dem Durchstieg – wenn die Kräfte noch ausreichten – nicht den sichersten Abstieg ins Wimbachtal, sondern den Weg über den Grat (Süd-Mittelgipfel-Hocheck) zum Watzmannhaus zu gehen. Leider konnte dies die Kursleitung nicht gestatten. Von unserem Ostwand-Plan durften wir schon gar nichts verlauten lassen. Als wir nur erwähnten, die Wiederroute (kleine Ostwand Kar-Mittelgipfel) machen zu wollen, wurden wir schon mitleidig als größenwahnsinnig belächelt. Natürlich ließen wir uns nicht beirren, sondern holten nach Kursende den zweiten Rucksack mit der nötigen Eisausrüstung, der bereits fertig, gepackt in der Schönau lag, herauf. Nachdem wir am 24. März mit dem Kurs bei günstigen Bedingungen über den Grat auf dem Mittelgipfel waren, versuchten wir auf alle Fälle erst noch einmal die Wiederroute, um auch die Verhältnisse in der Wand vor unserem Unternehmen genauestens kennenzulernen. Nach diesem Ergebnis wollten wir erst bestimmen, wie, wann und ob überhaupt die Ostwand gewagt werden durfte.

Um 2 Uhr weckte uns der Hüttenwirt Bauer (der uns mit seiner Frau rührend umsorgte). Teilweise bis zum Bauch einbrechend, standen wir nach einer zweistündigen Hatscherei im Kar vor dem Einstieg, nachdem wir das letzte Stück fast kriechend zurückgelegt hatten, um in dem grundlosen Schnee überhaupt noch vorwärts zukommen. Wir, das waren die Zweierseilschaft Jürgen-Fritz Krämer und durch die Nabelschnur zu Drillingen vereint Bernulf Freiherr von Crailsheim-Reinhard Sander-Werner Kohn. Der Einstieg zeigte sich von seiner angenehmsten Seite. In einer zwar sehr steilen, aber sonst idealen Eisrinne, gewannen wir schnell an Höhe. Um 3 Uhr lag bereits das Wiederband vor uns. Obwohl es mit Schnee völlig zugeschüttet war, und eine Neigung von etwa 45 Grad hatte, kamen wir gut vorwärts. Wirklich schwierig waren die letzten vier bis 5 Seillängen. Beim Wettlauf mit der Zeit hatte uns nämlich die Sonne eingeholt. Damit wurde die Tur gerade an den auch im Sommer schwierigen steilen Platten im letzten Drittel sehr ernst. Diese glatten aufrecht stehenden Felsen boten dem Firn eine recht unsichere Auflage. Durch den optimistischen Lack (von Crailsheim) aber ebenfalls verwegen geworden, schlichen wir uns glücklich mit angehaltenem Atem über den trügerischen Firn. Um 11 Uhr – also gerade noch vor dem Abgang der Lawinen -standen wir auf dem Gipfel. Nach einer gemütlichen Rast in strahlender Sonne bei der tüchtig auf die bergsteigerunfreundlichen Zustände in manchen Sektionen geschimpft wurde, ging es über das Hocheck, z. T. auf dem Hosenboden abfahrend, (unsere Kursleitung hätte sich die Haare ausgerauft) wieder zum Kührointhaus, vom beglückwünschenden Hüttenehepaar mit einem mächtigen Schiwasser empfangen. Die Wege zum Mittelgipfel hatten es erwiesen, daß es möglich ist, bei den derzeitigen Verhältnissen durch die Ostwand zu kommen. Wir beschlossen darum, schnellstens einzusteigen. Als Termin wählten wir die Nacht vorn, Montag zum Dienstag. Wir wollten versuchen, in einem Tag ohne Biwak durchzukommen. Unsere zweite Seilschaft (Karl Krämer, sein Sohn Fritz und Oskar Dorfmann, Regensburg) entschieden sich für den Münchener Weg. Wir entschlossen uns, den 1947 von Helmut Schuster und Josef Aschauer entdeckten Berchtesgadener Weg zu versuchen. Dieser Weg war auch darum angenehm, weil im mittelsten Drittel, kaum Lawinengefahr besteht. ‚Wir gedachten, dieses Stück zwischen 10 und 15 Uhr hinter uns zu bringen, Denn wären das erste äußerst lawinengefährliche untere Drittel und die üble Gipfelschlucht in der theoretisch günstigsten Zeit zu begehen. Nach einer traumlosen Nacht am Montag gegen 10.30 Uhr Abstieg vorn Kührointhaus zum Königssee mit je zwei Rucksäcken und zwei Paar Schi – eine enorme körperliche Anstrengung in dem tiefen Schnee. Leider verpaßten wir in Königssee unsere Freunde (die zweite Seil-Schaft). Wir konnten sie nur noch auf dem bereits schwimmenden Boot sehen. Schnell verstauten wir alle unsere Ueberflüssigkeiten und gondelten mit dem nächsten Schiff hinterher. Ehrfurchtsvoll begrüßten wir „unsere“ Ostwand. Die starken Schneefälle hatten alle Feinheiten verdeckt. Hoheitsvoll in ihrer weißen Pracht blickte sie auf uns Menschlein hernieder. Kurz vor der Eiskapelle holten wir die Kameraden ein. Herzlich begrüßten wir unseren väterlichen Freund und alpinen Lehrmeister Karl Krämer. Dann verabschiedeten sich die Kameraden und stapften, in Richtung „Münchener Weg“ davon. Wir legten noch einmal die Route in allen Einzelheiten fest. Lediglich das Barometer machte uns noch Sorgen. Da wir aber bei jeder Watzmannbesteigung ein erstklassiges Wetter hatten, vertrauten wir auch diesmal unserem guten Stern (das Radio versprach uns günstige Witterung). Um 3.30 Uhr näherten wir uns am Morgen des 29, März der Eiskapelle: Mißtrauisch betrachteten wir den viel zu klar funkelnden Sternenhimmel Eine schlechte Nacht lag hinter uns. Gewaltiger Lawinendonner riß uns immer wieder aus dem Schlaf. Mächtige Lawinen hatten alle Spuren verdeckt. Hilflos tastete sich unser Lichtlein durch die haushohen Lawinentrümmer. Unschlüssig standen wir am Einstieg, Friedliche Stille und ein herrlich funkelnder Himmel wollten unser Mißtrauen beseitigen. Zum Glück behielt die Vernunft die Oberhand. Schweren Herzens zogen wir uns zurück. Eine innere Stimme ließ uns keine Ruhe. Skeptisch betrachteten wir ,,unsere“ Wand. Plötzlich hoch oben ein Rauschen. Polternd und brüllend donnert eine gewaltige Lawine in riesigen Kaskaden auf uns zu. Den Blick auf das grandiose Schauspiel gerichtet, ziehen wir uns weiter zurück. Mit Sorge gedenken wir unserer Kameraden, die seit gestern Nachmittag in der Wand sind. Auf einmal blinkt, noch während die Lawine donnert, ein Licht am Anfang der Münchener Rampe, Beruhigt stellen wir fest, daß unsere Kameraden einen sicheren Biwakplatz gewählt hatten. Wir beschlossen, am Nachmittag. wiederzukommen. In der einsetzenden Dämmerung ließ sich noch erkennen, daß über Nacht die gesamte Eiskapelle ein riesiges Lawinenblockfeld geworden ist.

Berchtesgadener Weg.

Nachmittag um 14 Uhr standen wir wieder vor dem Einstieg. Wir zweifelten jetzt keine Sekunde mehr am Gelingen. Obwohl man stellenweise recht tief einbrach, ging es zügig vorwärts. Wegen des immer stärker werdenden Steinschlags wendeten wir uns um 17 Uhr vom Berchtesgadener Band nach rechts in die Felsen. Im durchaus nicht leichten Gelände kamen wir nur mühsam höher. Ein brüchiges und griffarmes Gestein machte uns überaus schwer zu schaffen, Das Klettern mit dem Tricounibeschlag war – besonders für mich – sehr unangenehm. Gern vertrauten wir uns wieder einer firnigen Eisrinne an. Trotz der enormen Steilheit gewannen wir leichter an Höhe als im Fels. Dann war es aus mit der Eisarbeit. Durch einen Wasserfall kletternd, gelangten wir über wasserüberronnene und verglaste Platten sehr schwer zu einem leidlichen Stand. Da wir bereits vor dem Einstieg von der Schneehascherei so durchnäßt waren, daß das Wasser bei jedem Schritt aus den Schnürsenkellöchern herausquatschte, konnte uns die Nässe nicht erschüttern. (Fortsetzung folgt)

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., September 1949 – Nr. 7

Frankfurter Bergsteiger bezwingen die Watzmann-Ostwand !

Wintererstbegehung des Berchtesgadener und des Münchener Wegs

(Zweite Fortsetzung und Schluß)

Jetzt erst legten wir das Seil an. Schon lang schauten wir nach einem Biwakplatz aus. Obwohl uns die Zunge am Gaumen klebte, ließen wir uns keine Zeit zum Trinken. Wir wollten unbedingt erst einen Biwakplatz entdecken. Langsam holte uns aus dem Tal die Finsternis ein. Immer noch hingen wir in ungewöhnlich kleingriffigen Platten. Reinhard, mittlerweile in Kletterschuhen, ließ mich hinterherschnaufen. Da ich in den Nagelschuhen nur schlecht vorwärts kam, wurde mir „manch liebes Wort“ gewidmet. Mit einer Mordswut im Bauch, meist in den glatten Platten nur an den Fingerspitzen hängend, stellte ich fest, daß ich ja kein Nachtschwärmer sei, und daß es höchste Zeit wäre, ins Bett zu gehen. Tatsächlich konnte ich mit meinen Nagelschuhen in den kleingriffigen Platten auch nicht einen Schritt mehr weiter. Selbst ein Rückweg zum Stand neben dem Wasserfall war wegen der Finsternis unmöglich. Obwohl Reinhard heftig protestierte, nagelte ich mich kurzerhand fest und hängte mich mit allen Habseligkeiten an die Haken. Da der Zdarski-Zeltsack bei mir im Rucksack war, mußte sich auch Reinhard neben mich hängen. Leider entfiel ihm durch eine. Unvorsichtigkeit der Rucksack. Obwohl wir von vornherein alles auf beide Rucksäcke verteilt hatten, war der Verlust recht schmerzlich, weil der Primuskocher, unser Wärmespender, auf Nimmerwiedersehen mit abstürzte. Den Verlust der dicken Tafel Schokolade und des Schnaps-fläschchens verschmerzten wir tränenden Auges. Uebel war der Durst, ausgerechnet hier war alles trocken. Während die Zunge am Gaumen klebte, rauschte der Wasserfall seine teuflische Melodie. Vorsichtig packten wir bei Beginn der Dämmerung den in der Nacht von einem Stein durchschlagenen Zeltsack zusammen.

Nach einem üblen Quergang, der uns fast zwei Stunden aufhielt, kam etwas leichteres Gelände. Dennoch war es eine elende Viecherei, zumal ich im Fels als der zweite, jezt auch noch neben den schweren Bergschuhen von Reinhard beide Eispickel im Rucksack hatte. In dem jetzt abwechselnden Kamin- und Rinnensystem blieb ich mit dem Rucksack ständig hängen. Vor allem im Kamin wurde das Stemmen durch den Rucksack mit den sperrigen Pickeln zum „unvergeßlichen Erlebnis“. Das Aufseilen konnten wir uns aus Zeitersparnis nicht leisten. Unser Tempo war enorm. Der uns seit gestern Abend pausenlos begleitende Steinschlag ließ uns nicht zur Ruhe kommen. Reinhard hatte bereits eine blutende Kopfwunde, und noch immer verfolgte uns die senkrecht über uns stehende Wand mit ihren Geschossen. Gegen Mittag hielten wir es aber vor Durst nicht mehr aus. An einem leidlich geschützten Schneefleck hockten wir uns nieder. Alles, was wir zu uns nahmen, wurde mit Schnee gemischt. Obwohl am Himmel segelnde Föhnwolken in drei bis fünf Stunden schlechtes Wetter ankündigten waren wir von unserer Eisschleckerei nicht abzubringen. Die Gier war zu groß. Erst eine kleine Stein- und Eislawine, die in der Rinne zwischen unseren beiden Plätzen niederging, trieb uns weiter. Das Gelände wurde wieder überaus schwer, dennoch ging es gut vorwärts. Als auch ich durch Steinschlag eine blutende Wunde an der Schläfe davontrug, steigerten wir noch das Tempo. Hinter der Rinne folgten wieder sehr böse verglaste Platten. Nach einem riskanten Quergang in etwa siebzig Grad steilen Firn betraten wir gegen 17 Uhr die von tiefen Lawinenrinnen durchzogene Gipfelschlucht. Vergeblich suchten wir nach den Spuren unserer Kameraden. Da der Münchener Weg hier die Gipfelschlucht erreicht, hätten wir unbedingt etwas sehen müssen. In dem Glauben, die Spuren seien von den Lawinen verwischt worden, stapften wir aufwärts. Unser Bestreben ging dahin, die steile Schlucht an der gratartigen rechten Begrenzung zu nehmen, um den Lawinen ausweichen zu können. Leider war dort der Firn so weich, daß nur kriechend vorwärts zu kommen war. Wir riskierten darum zum Aufstieg die äußerste Lawinenrunse, deren Boden teilweise vereist war. Einer von links oben kommenden Lawine konnten wir noch sicher ausweichen. Lediglich ein vorweg hüpfender Schneebrocken streifte den Rucksack. Mittlerweile hatte sich der Himmel völlig bezogen. Beim Abwärtsschauen entdeckten wir jetzt auch endlich unterhalb der Gipfelschlucht, auf der Verlängerung des ersten Bandes, die Spuren unserer Kameraden. Da wir nicht ahnen konnten, daß die Seilschaft dort bereits Biwak bezogen hatte und gemütlich pennte, machten wir uns ernsthafte Sorgen. Wir wollten jedenfalls in Sichtweite des Gipfels kommen, denn es schneite bereits. Je mehr wir uns dem Ende der Unterbrechungsstelle näherten, desto steiler und schwieriger wurde es. Sogar zum Teil überhängende Firnabbrüche mußten überwunden werden. Für die letzte Seillänge der Gipfelschlucht benötigten wir fast zwei Stunden. Auf abrutschbereitem Firn gewährte nur der bis über die Haue eingerammte Pickel leidlich verläßlichen Halt. Oft mußten wir den Schnee mit dem Kopf und Oberkörper zurückdrücken, um nicht nach außen gedrängt zu werden. An einer unmöglichen Stelle überfiel uns die Finsternis. Der tastende Picket verkündete, daß die Unterbrechungsstelle nur einen tollen Umgehungsweg offen ließ: ein schmales Schneeband hart am abdrängenden Fels. Aufatmend wühlte ich mich in die folgende stelle Pulverschneerinne. Ganz von fern hörte ich meinen Namen. Bei der hastigen Arbeit hatte ich meinen Freund völlig vergessen. Zwei Stunden harrte er aus, in angespanntester Aufmerksamkeit mich sichernd. Endlich konnte er nachkommen. Gott sei Dank hielt auch bei ihm der schmale Schneereif. Völlig erstarrt langte er oben an. Wegen der Nässe konnten wir keine Handschuhe tragen. Tapfer versahen die Finger ihren harten Dienst. Bei jedem Schritt durchstießen sie die dünne Harschtschicht, uni sich im grundlosen Firn zu verkrallen. Unseren Plan, in der Rinne zu biwakieren, gaben wir bald auf. Mittlerweile war es stockfinster. Müde wühlten wir uns noch bis zu einer Rippe durch. Während Reinhard mit dem Pickel den kleinen Kolk erweiterte, sicherte ich uns in dem luftigen Schwalbennest durch einige Haken Nachdem die Selbstsicherung eingeschnappt war, verstauten wir mühsam das zu einer Stange gefrorene Seil, setzten uns auf die eingerammten Pickel und stülpten den Zeltsack über. Ein Glück, daß der nicht ebenfalls abgestürzt war. Wir hätten dieses Biwak, durchnäßt, wie wir waren, sonst kaum gut überstanden. Trotz dem quälenden Durst schmeckte uns der Schnee nicht mehr. Unser Appetit war aber dennoch gut. Bald war der Zeltsack vom Schnee durchnäßt. Bis auf die erstarrten Füße fühlten wir uns soweit ganz wohl. Die Schuhe durften wir aber auf keinen Fall ausziehen. Wir hätten sie am anderen Morgen nicht mehr anbekommen. Nicht einmal die Zwölfzacker konnte ich abnehmen, weil die Verschnürung zu einem Eisklumpen gefroren war. Endlich begann es zu dämmern. Bis auf den Notproviant legten wir alles Eßbare in unseren Magen, schüttelten den Schnee vom Zeltsack (es hatte nachts geschneit), und weiter ging es. Nachdem wir trotz eifrigstem Suchen in der undurchdringlichen Waschküche keinen gangbaren Weg fanden, entschlossen wir uns, direkt vom Biwak einen Schneekamin mit einem darauffolgenden Quergang an einer unmöglichen Eis- und Schneewand zu versuchen. Wie die dahinterliegende Rinne zu erreichen war, lag völlig in den Sternen. Vorsichtig probierte ich alle Möglichkeiten. Bald war mein Latein am Ende. Einen Sprung auf die vielleicht sechzig Grad geneigte Rinne wagte ich nicht. Zu leicht hätten die gewaltigen Schneemassen abrutschen können. Resigniert kletterte ich zurück. Obwohl wir fluchten und suchten, ließ sich kein besserer Weg finden, zumal uns Nebel und Schneetreiben die Sicht nahmen. Wieder stand ich an dem lächerlichen zwei bis drei Meter hohen Abbruch. Alles auf eine Karte setzend kam ich glücklich hinunter. Auch Reinhard folgte bald und brachte meinen Pickel mit, den ich in der Schneewand nach dem Quergang über dem Abbruch stecken lassen mußte. Zügig ging es dann weiter. Nach den zwei haarigen Seillängen vor und nach dem Schneebiwak konnte uns nun nichts mehr erschüttern. Um 9 Uhr hatten wir die Gratwächte hinter uns (etwa 150 m nördlich vom Südgipfel). Einige Rinnen machten uns noch durch den Pulverschnee Unannehmlichkeiten, bis wir uns endlich überglücklich auf dem Südgipfel die Hände drücken konnten. Zeitweise riß sogar der Nebel auf und gewährte uns einen Blick auf das herrliche Panorama.

Gratüberschreitung

Wir befanden uns kräftemäßig noch in ganz hervorragender Verfassung und konnten die Gratüberschreitung (Südgipfel, Mittelgipfel, Hocheck. Watzmannhaus) mit gutem Gewissen riskieren, Gemütlich zukkelten wir, während Schnee und Nebel um den Grat strichen, Richtung Hocheck. Als aber die Sonne durchbrach, lehnten wir uns gegen die Felsen und ließen uns langsam trocknen, Da wir den Weg gut kannten, hatten wir keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr zu überwinden. Mit Sorge erfüllten uns nur die Gedanken um unsere Kameraden. Obwohl wir noch ein Stück den Pfad zum Wimbachtal abgesucht hatten, konnten wir keine Fußspuren entdecken. Da wir in der Verlängerung des ersten Bandes ganz deutlich und vor allem auch frisch die Trittsiegel unserer Freunde sahen, mußten wir annehmen, die Seilschaft sei beim Betreten der Gipfelschlucht von einer Lawine erfaßt worden. Gegen 15 Uhr trudelten wir im Watzmannhaus ein. Nachdem wir ungefähr sechs Liter Tee voller Gier getrunken und in dem warmen Zimmer des Wetterfrosches Bitterling auch den Magen sehr ausgiebig angefüllt hatten, merkten wir doch die hinter uns liegenden großen Anstrengungen. Meine Augen fielen fast zu. Ein Wunder war es ja nicht, denn drei Tage hatten wir nicht mehr richtig geschlafen. Jetzt, da die Spannung gewichen war, meldeten sich auch die mißhandelten Glieder. Völlig klar wurde« wir aber, als wir unsere Zeche bezahlen mußten. 1,50 Mark für einen Liter deutschen Tee machten uns blitzschnell klar, daß wir uns wieder zivilisierten Gegenden näherten. Bitter schwer fiel uns das Gehen mit den erfrorenen Füßen. Die aufgerissenen blutenden Hände konnten den Pickel kaum noch halten, Dennoch stiegen wir bis Wimbachbrücke ab. Oft bis zum Bauch im Schnee steckend kamen wir nur mühselig abwärts. Wie zwei Strauchdiebe, zerlumpt, verdreckt, mit zerschundenen Gliedern überfielen wir Frau Jochner in den Palvenhörnern. Schweigend aßen und tranken wir gewaltige Mengen. Widerspruchslos ließen wir alle Vorwürfe über uns ergehen. Nicht einmal die Bemerkung, sie hätte uns die Hosen stramm gezogen, wenn sie das früher gewußt hätte, konnte uns erschüttern. Wir sahen nur noch ein herrliches weißes Bett!

Erwähnen möchte ich noch, daß wir bis auf wenige Seillängen selbst im steilsten Firn gleichzeitig gingen. Im schweren Fels wurde selbstverständlich sorgfältigst gesichert. Das Seil legten wir erst zwischen Wasserfall und Biwak an. Als sehr Zeit sparend hat sich unsere verschiedene Fußbekleidung erwiesen. Im Fels trug Reinhard Kletterpatschen mit Mancholefilz, ich Trieouni, Im Eis hatte ich Zwölfzacker, während Reinhard Tricouni-Schuhe benutzte. Die Führung hatte immer der zweckmäßigste Schuh. Erst zwei Tage später erfuhren wir, daß unsere Kameraden am 1. April den Gipfel erreicht hatten und 97 Stunden nach Abmarsch von Bartholomä in der Wirnbach-Griesalm eintrafen.

Zeitangaben:

Wiederroute

Kührointhaus 2.45 Uhr — Kar 5.30 Uhr — Wiederband 8.00 Uhr — Mittelgipfel 11.00 Uhr — Hocheck 1100 Uhr — Kührointhaus 16_00 Uhr.

 Ostwand :

Bartholomä 12.40 Uhr —Einstieg Eiskapelle 14.00 Uhr — Wasserfall 20.00 Uhr — Hakenbiwak 21,00 Uhr — Großer Quergang 8.00 Uhr — einzige Ras` 10.30 bis 11.30 Uhr — Gipfelschlucht 17.00 Uhr — Unterbrechungsstelle 20.00 Uhr –Schneebiwak 22.00 Uhr— Biwakausstieg zur Steilrinne 7.00 Uhr — Grat 9.00 Uhr — Südgipfel 9.30 Uhr — Mittelgipfel 12.30 Uhr — Hocheck 14.00 Uhr — Watzmannhaus 15 00 Uhr.

Gesamte Tur :

Bartholomä—Watzmannhaus 50 ½ Stunden, Berchtesgadener Weg : Eiskapelle—Südgipfel 43 ½  Stunden, reine Kletterzeit 21 ½  Stunden.

Werner Kohn.

Mit den beiden Erstersteigungen des Berchtesgadener Weges und des Münchener Weges im Winter durch Frankfurter Alpinisten war die Watzmann Ostwand völlig bezwungen. Aber doch noch ein neuer Durchstieg wurde jetzt, vor wenigen Wochen. von unseren Mitgliedern Werner Kohn und Fritz Krämer erzwungen: von der Eiskapelle aus in Falllinie zur Gipfelschlucht! Einen Bericht hierüber bringen wir im nächsten Blatt.

Ostwandchronik

Die einzelnen Erstbegehungen der Watzmann Ostwand auf den wesentlichen 5 Wegen.

Kederbacher Weg

Sommer Seilschaft

06.06.1881, Grill, Schück

Winter Seilschaft

06.12-08.12.1930, Beringer, Mitterer, Flatscher, Zankl

Sommer Alleingang

1905, ein Münchener

Winter Alleingang

25.12-26.12.1963, Rasp

Salzburger Weg

Sommer Seilschaft

08.09.1923, Feichtner, Feichtner, Reitmayr, Schifferer

Winter Seilschaft

08.01-10.01.1949, von Crailsheim, Freiberger, Hollerieth

Sommer Alleingang

Winter Alleingang

28.02-01.03.1953, Buhl

Münchener Weg

Sommer Seilschaft

Winter Seilschaft

28.03.-01.04.1949, Krämer, Krämer, Dorfmann

Sommer Alleingang

15.07.1929, Thiersch

Winter Alleingang

30.12.1965, Rasp

Berchtesgadener Weg

Sommer Seilschaft

28.09.1947, Aschauer, Schuster

Winter Seilschaft

29.03-31.03.1949, Kohn, Krämer, Dorfmann

Sommer Alleingang

Winter Alleingang

12.12-13.12.1952, von Kaufmann

Streckenrekord Sommer

11.10.2018, Reiter (112 Minuten)

Frankfurter Weg

Sommer Seilschaft

02.08.1949, Krämer, Kohn

Winter Seilschaft

Sommer Alleingang

Winter Alleingang

14.03.1969, Rasp

Bergsteigen – Die ersten Schritte, die ersten Gipfelsiege

Das Interesse an den Bergen war durch den Anblick der Ostwand des Watzmanns geweckt.

Was folgten waren gemeinsame Bergurlaube mit den Eltern. Mehr oder weniger konsequent vollzog sich damit eine Entwicklung die Anfang der 80’er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihren Kulminationspunkt erreichte.

Aufenthalte in Berwang in Tirol, die ersten Gipfelsiege errungen. Zugspitze von Ehrwald über das Gatterl, Roter Stein, Thaneller, Hönig. Es machte Spaß in die Berge zu gehen, es machte Spaß auf die Berge zu gehen.

1982 dann eine mehrtägige Hüttenwanderung im steinernen Meer, die Schönfeldspitze erklommen und auch die Watzmannüberschreitung zum ersten Mal gemacht.

Konzentration auf die kommenden Herausforderungen und den Gipfel des Bergs.

Glatte Platte vor der Südspitze im Rahmen der Überschreitung der drei Gipfel des Watzmanns.

Gipfelsieg auf der Schönfeldspitze im steinernen Meer.

 

Mythos Watzmann – Wie alles begonnen hat

Bei mir persönlich geschah es im Alter von 10 Jahren. Als junger Bursche verbrachte ich, gemeinsam mit meiner Großmutter, im Jahre 1980 einen Urlaub in Königsee.
Auch wenn die Erinnerung an einzelne Momente schon längst verblasst sind, haben sich doch bildliche Zeugen dieser Reise erhalten. Erinnerlich ist mir noch die Begeisterung mit der ich seinerzeit Fotos mit einer Polaroid-Kamera gemacht habe.

Offensichtlich, so das Zeugnis der Fotos, war es Winter als sich mein erster Kontakt zum Watzmann ergab.

Während einer auch heute noch für die Touristen obligatorischen Bootsfahrt über den Königsee erblickte ich zum ersten Mal jene so faszinierende Gesteinsformation namens Watzmann Ostwand oder Bartolomäwand des grossen Watzmanns.

Fasziniert wurde ein weiteres Foto der sich im winterlichen, weißen, Gewand präsentierenden Ostwand des Watzmanns gemacht. Die ersten Schritte einer langen Reise waren gegangen und die Leidenschaft latent verankert.

Fasziniert vom Berg kaufte ich mir die 7’te Auflage, 1981, von Hellmut Schöners Standwerk über die Watzmann-Ostwand „2000 Meter Fels“.

Dieses Buch bietet einen guten Einstieg in den Mythos „Ostwand“ und zeichnet die wichtigsten Ereignisse um die Ostwand in interessanter Form auf.