Aus dem hinteren Eisbachtal auf die Südspitze – W. von Frerichs und R. von Below

Im September 1900 war Wilhelm von Frerichs am Watzmann besonders aktiv. In wechselnder Seilschaft gelangen ihm eine Reihe von Erstbegehungen.

22. September 1900 – Watzmann-Südspitze, 2712 in (neue Route ü. d. Südostwand , 1. Erst. aus d. hinteren Eisbachthal) – R. von Below, Dr. Wilhelm von Frerichs.

„Vom unteren Ende der Eiskapelle in der blockerfüllten Schlucht des Eisbachthals aufwärts. Von dem Südgrat der Südspitze löst sieh in ca. 2500 m eine südöstlich verlaufende Rippe. Sie endet mit einem auffallenden, tief ins Eisbachthal vorspringenden Felszacken, dem sog Kirchl. Um dies herum und über einen kurzen Dolomitabsatz auf das untere einer Reihe breiter, die unteren Partien der Südflanke der Rippe durchziehenden Grasbänder. Das Grasband schräg rechts (nordöstlich) verfolgend zur Kante der Rippe und nach links (südlich) auf ein höheres Grasband (An. 1350 m, 2 ½ Std. v. d. Eiskapelle). Von diesem durch eine brüchige DoIomitrinne wieder auf die Kante der Rippe und einen Abbruch mittels schwieriger Traversen von rechte (nördlich) her erkletternd auf ein sich um die Rippe ziehendes Band. Dies nach linke (südlich) bis zu seinem Abbruch verfolgend und weiter, über brüchigen Fels traversierend, zu schwärzlichen Plattenwänden. Ueber diese hinauf (Kletterschuhe, einmal Steigbaum). Diese Plattenwände bilden den unteren Absturz einer Rinne, welche weiter verfolgt und dann über sehr glatte, steile Platten nach rechts verlassen wird, um die Kante der Rippe wieder zu erreichen. Diese wird etwas oberhalb einer Scharte betreten, welche ein auffallender, aus der Rippe vorspringender Felskopf bildet. (Diese Scharte wurde am 7. IX. 1900 durch G. Leuchs und W. von Frerichs von Norden her erklettert) Weiter über die sich verflachende Rippe (nördlich der am 7. IX. eingeschlagenen Route). Nahe dem Südgrat nötigt die Felsbildung, wieder nach links (südlich) abzubiegen und durch einen sehr schwierigen Kamin den Grat wieder zu erreichen. Der erste rötliche Turm des Südgrats wird durch einen überhängenden Kamin erklettert, der zweite über eine exponierte Platte an der Ostecke. Die nächsten beiden Absätze sind gut passierbar und. bald darauf wird die Südspitze erreicht. 12 Std. incl. Rasten. Die Schwierigkeiten sind ungefähr dieselben wie die der gewöhnlichen Route, jedoch intensiver, so an dem Kamin unter dem Grat und an den Türmen des Südgrates. Die unteren Partien sind hochgradig steingefährlich.“

Georg Leuchs und Wilhelm von Frerichs – Ein neuer Weg auf die Südspitze

Im Jahresbericht 1899/1900 des Akademischen Alpenvereins München findet sich der Tourbericht einer von Georg Leuchs und Wilhelm von Frerichs durchgeführten Erstbegehung in der Ostwand des Watzmanns.

Leuchs und Frerichs berühren dabei Teile des Jahrzehnte später eröffneten Berchtesgadener Weg, kletten die Wasserfallplatte von unten und streifen den Bereich der Rampe unter der gelben Wand.

7. September 1900

Watzmann-Südspitze, 2712 m (neuer Aufstieg aus dem Eisthal) – Dr. Wilhelm von Frerichs, Georg Leuchs.

„Da, wo sich der Lawinenkegel der „Eiskapelle“ zu einer Zunge verschmälert., welche in die zum bisherigen Aufstieg dienende Schlucht hinaufzieht, mündet in den von der Schönfeldschneid abfallenden Wänden eine Rinne, welche – von unten betrachtet – sich als heller Streifen verfolgen lässt, der sich in flachem Bogen mit der Konvexität nach rechts oben bis in die Nähe der Schönfeldschneid erstreckt. (Diese nur scheinbar ununterbrochene Rinne kreuzt unsere Anstiegsroute in dem unten erwähnten Kar.) Weiter links mündet zur Eiskapelle eine zweite Rinne. Zwischen diesen beiden Rinnen, näher der linken, gelang schwierig die Ueberschreitung der Randkluft (ca 990 m). Nach kurzer Kletterei über splitterigen Dolomit gelangten wir auf steiles Grasterrein und stiegen über dasselbe, sowie über zwischengelagerte plattige Schrofen gerade aufwärts; ca. 850 m über dem Einstieg erreichten wir ein schutterfülltes Kar. Rechts hinten ist eine mächtige gelbweisse Wand; rechts von derselben springt ein Sporn in das Kar vor. Unsere Absicht war, auf diesem Sporn, der auch einige Latschen trägt, emporzuklettern, bis es möglich wäre, nach links unter der gelben Wand durchzutraversiren auf eine Plattenflucht oberhalb der Steilstufen, welche den Hintergrund des Kares abschliessen. Wir stiegen auf dem Sporn ziemlich gerade empor, anfangs über gut gestuften Fels, dann über steiles, grasdurchsetztes, unzuverlässiges Geschröfe von zunehmender Schwierigkeit. Ca. 140 m über dem letzten Latschenkopf auf dem Sporn, da wo eine Rinne beginnt (ca. 1740 m), welche, rechts von der gelben Wand eingeschnitten, zu einem mächtigen – von unten nicht sichtbaren – Plattenband emporführt und vermutlich auch den Weiterweg vermitteln würde, konnten wir leicht die beabsichtigte Traverse nach links auf einem etwas absteigenden Bande ausführen. Auf der Plattenflucht stiegen wir wiederum in im allgemeinen gerader Richtung empor und durchkletterten nun die mächtige Wand, welche über dem linken Teil der Platten sich aufbaut. Von den Platten weg in einem Winkel der Wand einsteigend (ca. 1900 m), gelangten wir nach kurzer Kletterei aufwärts auf ein System von Bändern und Gesimsen, die wir nach links verfolgten (Kletterschuhe !), bis wir eine 50 m hohe Kaminreihe trafen, welche in die senkrechte Wand eingeschnitten ist. Der unterste dieser sehr schwierigen flachen Kamine liess sich von links her umgehen, die übrigen wurden durchklettert. (Ende der Kamine ca. 1975 m.) Nun wieder eine 60 m lange Traverse nach links zu einer mässig geneigten Platte. Ueber derselben folgten fünf kurze, aber teilweise überhängende, von schmalen Absätzen unterbrochene Wandstufen, welche in Äusserst schwieriger Kletterei erstiegen wurden, die letzte mit Hilfe eines Mauerhakens. (Ende der Wandstufen ca. 2060 m.) Leichtere Grasschrofen leiteten dann nach rechts aufwärts in eine Rinne, durch welche wir relativ leicht in eine Einsattlung (ca. 2200 m) hinter einem Felskopf gelangten, der als oberster Punkt der durchkletterten Wand anzusehen ist. Von hier aus steht der Weg zum Grat offen; ebenso könnte man wohl auf den Schichtenbändern nach rechts abwärts die alte Route in ihrem obersten Teil erreichen. Am besten hält man sich indes wohl schief nach rechts aufwärts direkt gegen den Gipfel der Südspitze. Wir kletterten im allgemeinen gerade empor und erreichten, schliesslich noch durch einen sehr schwierigen Kamin, die Schönfeldschneid, ca. 250 m unter dem Gipfel. Wegen der vorgerückten Zeit mussten wir davon abstehen, den Grat zu verfolgen; wir traversierten daher auf den obersten Rand des Schönfelds und erreichten auf der Wimbachroute den Gipfel.

Königssee ab 2 Uhr 50 Min., Bartholomä 3 Uhr 50 Min Felseneinstieg 5 Uhr 45 Min., Kar 6 Uhr 50 Min., Einstieg in die Steilwand 10 Uhr 50 Min., Einsattlung 3 Uhr 20 Min , Schönfeldschneid 6 Uhr, Gipfel 7 Uhr, Watzmannhaus 9 Uhr 30 Min. Die Tour dürfte von Bartholomä bis zur Südspitze eine mittlere Zeitdauer von 12 Stunden excl. Rast erfordern; die Schwierigkeiten sind grossenteils denen der bisherigen Route gleich, übertreffen sie jedoch stellenweise bedeutend, namentlich in der Steilwand nach der Plattenflucht, welche sich indes vielleicht nach links umgehen lässt. (Die Angaben über rechts und links verstehen sich im Sinne des Anstiegs.)“

REDAPA @ Watzmann – Auf der Spur der Rampe unter der gelben Wand (3/5)

Im Bergsteiger des Jahres 1952 erfolgte nun eine Reaktion von Max Gruber aus München auf den Bericht von Paul Bernett.

Bergsteiger, 1952, Seite 11

Walzmann-Ostwand.

Am 27. August 1949 stieg ich mit meinem Sektionskameraden Max Hintermeier in die Watzmann-Ostwand ein, um den Berchtesgadener Weg zu begehen. Wir kamen jedoch zu weit nach links und stiegen auf der nunmehr Im „Bergsteiger“, Heft 12/1951, beschriebenen Rampenroute empor. Der von den Herren Bernett und v. Schlebrügge erwähnte Abseilhaken wurde von mir im Aufstieg zur Sicherung geschlagen. Wegen schweren Gepäckes erreichten wir das Rampenende erst bei einbrechender Dämmerung, wo wir biwakierten. Bevor wir uns über den Weiterweg schlüssig gemacht hatten, sahen wir auf dem Salzburger Weg zwei junge einheimische Kletterer und sodann fünf ältere Nürnberger nahe bei uns heraufkommen. Mit den Nürnbergern waren wir gemeinsam auf dem Gipfel. Diesen gegenüber bemerkten wir, daß wir eine Variante zum Berchtesgadener Weg gemacht hätten. Es war uns damals noch nicht klar, mit diesem Aufstieg ein Problem gelöst zu haben. Der ausführlichen Routenbeschreibung der Herren Bernett und v. Schlebrügge im ,,Bergsteiger“, Sept. 1951, S. 103, habe ich nichts hinzuzufügen. Die außerordentliche Brüchigkeit des Gesteins erfordert äußerste Vorsicht.

Fritz Gruber, Sekt. München DAV.

REDAPA @ Watzmann – Auf der Spur der Rampe unter der gelben Wand (2/5)

Die beiden grundsätzlichen Optionen am Ende der Rampe sind

  1. südlich zum Pfeiler und darüber Aufstieg zum Südgrat
  2. nördlich im Abstieg auf den Berchtesgadener Weg

Bernett berichtet nun im Bergsteiger aus dem Jahre 1951 über eine Tour mit von Schlebrügge aus dem Jahre 1951 welche in der Option 2 ausgeführt worden ist.

Bergsteiger, 1951

Neutouren

Watzmann-Ostwand. Direkte Durchkletterung der „Rampe unter der gelben Wand“ (Paul Bernett und Hans v. Schlebrügge an 15. Juli 1951).

Im linken, südlichen Teil der Wand sieht man von Bartholomä unter der Verlängerung des ersten Bandes links der Gipfelschlucht eine steile Rampe, die unter einer auffälligen, gelben Wand parallel der Rampe des Berchtesgadener Weges von links unten nach rechts aufwärts zieht. Sie nimmt ihren Anfang in dem Kessel am oberen Ende der großen Rinne., deren rechte Begrenzung der Berchtesgadener Weg anfangs benützt. Die Rampe endet südlich der Gipfelschlucht auf der Verlängerung des ersten Bandes. Über diese „Rampe unter der gelben Wand“ führt der Anstieg.

Zunächst auf dem Berchtesgadener Weg bis in Höhe des oberen Wasserfalles. Jetzt wendet man sich nicht nach rechts zur Berchtesgadener Rampe, sondern steigt über leichtes Gelände aufwärts bis zu dem Beginn der „Rampe unter der gelben Wand“. Zunächst leicht, am besten auf ihrer rechten Begrenzung, da hier der Fels fester ist, dann schwieriger über steile Wandeln in schöner Kletterei mehrere Seillängen hinauf, bis sich die Rampe mehr zusammenschnürt und man um oder über eine kleine, sehr splittrige Wandstufe zu einer auffälligen gelben Gufel gedrängt wird, wo sich die Rampe mit der gewaltig überhängenden; gelben Wand verschneidet.

(Hans v. Schlebrügge und Usch Himmighoffen hielten sich 1949 bei der vermutlich ersten Begehung der Rampe ungefähr eine Seillänge mehr rechts und stiegen im wesentlichen am Rande der Rampe empor, bis sie im oberen Drittel zu dem später erwähnten 10-m-Riß gedrängt wurden. Die Kletterei in schönem, meist festen Fels ist leichter als die Rampenverschneidung.)

Nun immer in der gelben Rampenverschneidung zu einem Abseilhaken eines früheren Versuches. Etwa eine Seillänge stets auf ihrem Innenrand weiter, bis sich dieser Teil der Rampe steiler aufbäumt. Der Aufschwung endet oben in einem auffälligen, glatten, etwa halbmeterbreiten, hellen, ins ersten Teil überdachten Band. Unter ihm an spärlichen Griffen aus der inneren Verschneidung rechts heraus und nach wenigen Metern gerade über eine kleingriffige Wandstelle empor. Nun auf festeren Fels über Wandln und Bänder, sich rechts haltend weiter, bis sich die Rampe wieder mehr zusammenschnürt, auf ein bequemes Band. Von seiner linken Hälfte leitet ein 10-m-Riß zu einem kleinen Geröllfleck, und über den folgenden kurzen, überhängenden Kamin erreicht man einen guten Standplatz vor einer kleinen Höhle am innersten Rampenrand. Über den überhängenden und bemoosten Riß mit Seilzug (die bei der ersten Begehung gewählte Aufwärtsquerung über die glatte Wand rechts davon ist schwerer) auf ein kleines Band, das man einige Meter nach rechts verfolgt. Nun über Wandstellen und grasdurchsetzte Bänder erst gerade hinauf, dann rechts zu dem die Rampe abschließenden Seitengrat. Gut gestufter, steiler Fels führt auf die Fortsetzung des ersten Bandes. Am besten auf ihm etwa zwei Seillängen absteigend zum Beginn der Gipfelschlucht und durch sie zum Hauptgipfel.

Höhe der Rampe etwa 400 m. Überaus schwierig, V. Innerer Teil der Rampe brüchig. Schlechte Sicherungsmöglichkeiten. Benötigte Kletterzeit etwa 8 Stunden. Der Weg stellt höhere Anforderungen als der Salzburger Weg. Landschaftlich besonders eindrucksvoll.

 

REDAPA @ Watzmann – Auf der Spur der Rampe unter der gelben Wand (1/5)

REDAPA stellt eine Art der geschichtlichen Forschung dar, welche im Rahmen eines anderen Projektes entwickelt worden ist.

Nachdem der Entschluss gefallen ist, Routen und Führen am Watzmannstock zu inventarisieren und darzustellen lag es nahe REDAPA anzuwenden.

Die Recherche und Erschliessung möglicher Quellen erfolgt dabei auf Basis vorhandener Sekundärliteratur.

Auf den Watzmannstock bezogen waren dies

  • Helmut Schöner – 2000 Meter Fels, Ausgaben 1981 und 2014
  • Franz Rasp – Watzmann Ostwand Führer, Ausgaben 1981 und 2013
  • Max Zeller/Helmut Schöner – Alpenvereinsführer Berchtesgadener Alpen, Ausgabe 1986

Mein Interesse an der Rampe unter der gelben Wand wurde durch die entsprechende Passage im Ostwandführer des Jahres 2013 geweckt.

Hier wurde als Variante des Berchtesgadener Weges eben diese Rampe unter der gelben Wand, Schlebrügge-Rampe, und auch der sogenannte „Polenweg“ erwähnt.

Rasp, Watzmann-Ostwand, Bergverlag Rother Gebietsführer, München, 2013, Seite 70

Was hatte es denn nun mit diesen, mir bisher unbekannten, Wegen auf sich und wie stellte sich deren Geschichte und Führe dar ?

Die beste Möglichkeit der weiterführenden Recherche bot sich hier durch Nutzung des Onlineangebots der Alpinbücherei Innsbruck.

Online OPAC

Mit den entsprechenden Suchergebnissen erhält man folgend dann Zugang zu weiterführenden Quellen und kann diese entsprechend auswerten.

Erste Ergebnisse der Recherche
  • Informationen zur polnischen Expedition des Jahres 1973
  • Tourbericht von Georg von Kaufmann und Beda Hafen
  • Neutourinformation über eine Begehung durch Hans von Schlebrügge und Usch Himminghoffer
Österreichische Alpenzeitung, 1954
  • Tourbericht von Paul Bernett und Hans von Schlebrügge
  • Leserbrief von Max Gruber
  • Leserbrief von Hans von Schlebrügge
Zwischenfazit

Die ÖAZ Meldung trägt nicht zur Feststellung der Priorität für die Begehung der Rampe unter der gelben Wand bei.

 

 

Lothar Patera – Gratwanderung von Ost nach West

Der Schüler Ludwig Purtschellers bevorzugte Grat- und Kammwanderungen sowie die Kombination von vielen Gipfeln. Im September 1895 gelang ihm eine bemerkenswerte Tour am kleinen Watzmann und den beiden folgenden Watzmannkindern.

ÖAZ, 1899, S. 157

Berchtesgadener Alpen

Kleiner Watzmann (2304m) mit Abstieg zur Labelscharte, Watzmannkinder (Punkt 2244 Alpenvereinskarte, I. Gratübergang zu Punkt 2230, II. Erst., P. 2165).

1. September 1895.

Ich verliess Zill hei Hallein 5h früh, kam 6h 30m nach Berchtesgaden, 7h 45m nach Ilsank und stieg von dort auf angenehmen Waldwegen zur Schappbachalm hinan (9h-9h 45m). Eine Zeitlang benützte ich noch einen kleinen Fahrweg, dann wandte ich mich direct durch Wald dem Kederbichel zu und erreichte über die Gratschneide fortkletternd ohne besondere Schwierigkeiten die Spitze des Kleinen Watzmannes (1h -2h). Indem ich mich anfangs etwas links (südöstlich) hielt, kletterte ich über die verwitterten Schrofen der steilen Südwand und durch jähe, mit losem Schutt gefüllte Rinnen hinab und traversierte weiter unten nach rechts zur Labelscharte (3h 3om – 4h), die inmitten einer grandiosen Felsscenerie gelegen ist. Ueber hohe Felsabsätze und Risse erklomm ich nun das östlichste Watzmannkind (Punkt 2244), ohne hiebei ein Drahtseil, das dort für die Treiber befestigt sein soll, anzutreffen (4h 30m). Der Anblick der schroffen Spitzen und Felswände des Watzmannes, der anderen Gebirgsstöcke ringsum, sowie insbesondere des tief unten liegenden, grünlich schimmernden Königssees ist wahrhaft erhaben und einzig. Da ich Lust hatte, noch einige Gipfel zu ersteigen, so versuchte ich den noch nicht ausgeführten, fast unmöglich scheinenden Abstieg über die jäh abstürzende Westwand zu forcieren. Ein schmaler Kamin, der sich unterhalb verflachte, nahm mich auf, nach dessen Bezwingung Risse und kleine Vorsprünge mit mehr als dürftigen Griffen den zwar kurzen, aber hervorragend exponierten Abstieg zur Scharte zwischen den beiden „Kindern“ 2244 und 2230 vermittelten. Von der Gletschermulde aus dürfte man wohl schwerlich direct hieher gelangen können. Auf den Punkt 2230 geht es von hier bequem über Geröll und Felsrippen (5h-5h 15m). Nach Westen bricht auch dieses „Kind“ in wilden Wänden ab, und nur eine Gratschneide ermöglicht das Hinabkommen, wobei es an pikanten Stellen nicht fehlt. So ist z. B. eine im Grate liegende, schräg abgedachte Platte nicht anders als durch „Hangeln“ zu überwinden, indem man mit den Händen den südlich über den Abgrund hinausragenden Rand erfasst und, die Füsse auf der anderen Seite in die Luft baumeln lassend, sich fortschiebt. Von der Scharte bestieg ich noch den unschwierigen Punkt 2165 (5h 45m-6h), stieg dann über die Schappbachalm nach Ramsau (9h) hinunter und marschierte noch bis zum Hintersee (10h), wo ich bei der Sedanfeier bis 1h tanzte und nach kurzer Rast zur Besteigung der Grundübelhörner aufbrach.

Rose Friedmann – Eine Frau gewinnt die Ostwand

ÖAZ, 1896, S. 218

Tourenberichte

Salzburger und Berchtesgadener Alpen

Watzmann von der Eiskapelle (Südostwand).

Frau Rose Friedmann aus Wien (als erste Dame), Herr Ingenieur Wilhelm Teufel aus München und meine Wenigkeit haben diese Tour am 3., 4. und 5. August ausgeführt. Mit Rücksicht auf die ungewöhnliche Länge der Tour ging unsere Absicht dahin, durch ein Bivouac im ersten Drittel der Wand, d. h. auf der breiten Terrasse unterhalb der schwierigsten Stelle, die Leistung auf zwei Tage zu vertheilen. Ein Träger, den wir ans Berchtesgaden mitnahmen, sollte Pelzdecken und sonstige Bivouacausrüstung zur Terrasse schaffen und von dort wieder zurückbringen. Gleich im Anfange unseres Aufstieges von der Eiskapelle, am Abende des 3. August, erwies sich jedoch zu unserem nicht geringen Missvergnügen der Träger als unfähig, die in den unteren Partien der Wand noch unschwierigen Felsen ohne Seilhilfe zu erklettern, und es war sofort klar, dass der Mann am nächsten Morgen bis auf den Schnee hinab begleitet werden musste. Dieser Umstand bewog uns, viel tiefer als geplant, nämlich schon ½ St. oberhalb der Eiskapelle unser Freilager zu beziehen. Während der Nacht vom 3. auf den 4. August trat wiederholt Regen ein. Am frühen Morgen des 4. August jedoch hatten sich die Wolken wieder verzogen, und das Wetter blieb bis gegen Abend gut. Um 4h 30m früh geleitete ich unseren ängstlichen und unsicheren Träger bis zur Eiskapelle hinab; bald nach 5 h brachen wir auf. Nach etwa 3 St. war die grosse Terrasse erklettert. Die reichen Massen von Lawinenschnee, die am Fusse einer vorn Mittelgipfel herabziehenden Rinne lagen, waren durch breite, unüberschreitbare Randklüfte von den Felsen getrennt; nur an einer Stelle füllten eingestürzte Firnschollen die tiefe Kluft und bildeten eine groteske, leidlich sichere Brücke. Es folgte sofort die schwierigste Stelle des ganzen Anstieges, eine circa 20 Meter hohe, plattige Wand, die nur mit Kletterschuhen zu bewältigen ist. Das Gepäck muss an dieser Stelle aufgeseilt werden.

Ein breites Band führt nach links in die grosse Rinne; nunmehr hält sich der Weg an diese selbst, sie ist überall durch Lawinen und rinnendes Wasser glatt gescheuert und ausgewaschen. An ihrem oberen Ende öffnet sich nach: links ein Ausweg auf ein breites, ziemlich steil nach Süden ansteigendes Band, welches fast in seiner ganzen Breite an einem Absturze quer abgeschnitten ist. Der so gebildete vorspringende Erker ist wie geschaffen zum Rastplatze. Das Gestein ist mit Graspolstern überzogen, in nächster Nähe findet sich Wasser; der Blick hinab auf das idyllische Bartholomä und ein kleines Stück Königssee mit den langsam dahinziehenden Kähnen ist reizend schön. Fortwährend rollte das Echo der auf dem See abgegebenen Pistolenschüsse durch die Wände rings um uns.

Die schmale Fortsetzung des abgebrochenen Bandes wurde weiter nach Süden verfolgt bis zu einem zweiten Abbruche, über dem um eine Ecke herum eine schwierige Traversirstelle zu passiren ist. Wiederum wird das Band etwas breiter, wir verfolgten es noch eine Strecke von circa 10 Metern und stiegen dann in gerader Richtung durch theilweise mit Schnee erfüllte Rinnen gegen den Grat zwischen Südspitze und Mittelgipfel auf. Die Schwierigkeiten verringern sieh hier bedeutend, doch sind die Felsen immer noch glatt und Kletterschuhe, wenngleich entbehrlich, doch angenehm. Zwischen den beiden Gipfeln schneidet eine Scharte tief in den Grat ein; dieser steuerten wir zu. So nahe sie schien, vergingen doch Stunden, bis wir sie erreichten. Ein Gewitter, das um 5 h von Südwest über den Watzmann herüberzog, brachte uns für kurze Zeit Regen, ohne uns jedoch zu einer Unterbrechung der Kletterei zu zwingen. Es war 7 h vorbei, als wir endlich etwas nördlich der erwähnten Scharte auf den Grat gelangten. Da wurden wir eines zweiten Gewitters ansichtig, das vom Hochkalter gegen uns heranflog. Eilends folgten wir dem schwach ausgeprägten Felsensteige, der, zweimal absteigend und zweimal wieder die Höhe des Grates erklimmend, von der Scharte zum Mittelgipfel führt. War auch die Zeit schon sehr vorgerückt, so hofften wir doch an diesem Tage das Watzmannhaus noch zu erreichen, sei es auch erst bei Nacht. Heftiger Regen durchnässte uns in kurzer Zeit, und das bekannte, fatale Summen der Pickel wurde hörbar. Ich streckte einmal zufällig den Zeigefinger aus, uns auf den Mittelgipfel zu deuten, und siehe da, auch mein Finger liess das unheimliche Sausen vernehmen. Rasch entschlossen legten wir die Pickel ab und eilten weitet. Blendend hell fuhren die Blitze durch den verfinsterten Abendhimmel; von krachendem Donner begleitet. Mit einem Male verbreitete sich um uns eine blendende Helle: eine elektrische Feuerkugel lief dicht bei uns über die Felsen, kein Donner folgte der gespenstischen Lichterscheinung. Die Gefahr, vom Blitz erschlagen zu werden, trat zu den übrigen Schrecken, mit denen die Natur uns verfolgte. Da blieb nichts Anderes übrig, als mit grösster Beschleunigung eine Felsenhöhle aufzusuchen. Erst um 10h nachts verzog sich das Gewitter. Bei der vollständigen Finsterniss, die nunmehr herrschte, war an ein Weitergehen nicht zu denken. Nach sieben langen Stunden kam endlich der Tag zurück. Am 5. August holte ich im ersten Morgengrauen die abgelegten Pickel, um 5h früh standen wir bei klarem Wetter auf der Mittelspitze des Watzmanns. Eben erglänzten die Eisberge der Hohen Tauern im Morgenroth. Um 6 h 30m früh trafen wir auf dem Watzmannhause ein, von Kederbacher begrüsst, der uns in herzlichen Worten zum Gelingen unseres Aufstieges gratulirte und insbesondere Frau Friedmann freundlich beglückwünschte.

A. v. Krafft