Sepp Kurz und Hanna Zernickow auf dem Kederbacherweg durch die Watzmann Ostwand

Der Bergbote (Mitteilungen der DAV Sektion Berlin)

Nr. 8, 3. Jahrgang, August 1951

Aus der Bergwelt

2000 Meter Fels

(Zum Gedenken an Sepp Kurz +)

Von Hanna Zernickow

Freitag, den 28.7.1950. Ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen, seit dem Tage, als ich mit Sepp Kurz die Watzmann-Ostwand durchstieg. Genau an dem gleichen Tage und Datum. Eine kurze Spanne Zeit. Doch was ist alles seitdem geschehen! Viele Nöte und Entbehrungen hat wohl ein jeder von uns ertragen müssen. Viele unserer alten Kameraden hat der Tod uns entrissen. Und auch Du, lieber Sepp, weilst nicht mehr unter uns. Du, der Du so manchen aus Bergnot gerettet hast, der Du ein Meister im Klettern und im Skilauf warst, Dich hat der Bergtod geholt! Heuer sollte ich eigentlich wieder mit Dir in den Fels gehen, mit Dir an einem Seil verbunden sein. Nun darf ich nur noch an Deinem Grabe stehen und von dort aus aufschauen zu dem Berge, in dessen herrlicher Ostwand wir Freunde wurden. In meinem Herzen aber bleibst lebendig, Sepp! Du liebtest die Berge so sehr, wie ich sie liebe. Und das verbindet Menschen auch über den Tod hinaus. Noch im vergangenen Jahre fandest Du einen neuen Weg durch die Wand, von der ich jetzt erzählen will, die Verbindung über alle fünf Bänder der höchsten Wand in den Ostalpen. Und nun schalte ich zurück; 10 Jahre früher: Mit dem 4-Uhr-Boot fuhr ich von Königssee nach Bartholomä. Ich hatte bis jetzt zurückgeblickt. Da reißt es mir plötzlich den Kopf herum. Wir sind ganz dicht vor Bartholomä und ich sehe die Ostwand! Das oberste Drittel der Wand ist zwar in Wolken gehüllt, aber mir genügt im Moment auch schon der sichtbare Teil. So gewaltig lebte sie nicht mehr in meiner Erinnerung. Es kommt ja auch immer darauf an, wie man einen Berg betrachtet, ob mit den Augen desjenigen, der nur das schöne Bild in sich aufnimmt oder mit den Augen des Bergsteigers, der dort hinaufsteigen will. Mich hat’s zuerst beinahe erdrückt, aber schon nach ein paar Minuten hatte ich mich an das Bild gewöhnt. Im Wirtsgarten von Bartholomä setzte ich mich an einen Tisch in der Sonne mit Blick auf die Ostwand und fand, daß man in den Alpen lange suchen muß, bis man etwas Ähnliches an Schönheit, Wucht und Größe findet. Gedankenverloren trank ich meinen Kaffee. Da kam mit einem Male ein kleines Finkenhähnchen und lenkte meine Aufmerksamkeit von der Wand auf sich. Der kleine Kerl war so vertraut, er kam auf den Tisch geflogen, setzte sich zierlich auf den Rand meines Kuchentellers und tat sich an dem Kuchen gütlich. Ich ließ ihn ruhig fressen. Dann flog er fort, kam aber gleich wieder, und nun nahm ich ein Stückchen Kuchen in die Hand und fütterte ihn. Ganz ruhig saß er auf dem Tisch und fraß mir den Kuchen aus der Hand, als ob das die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre. Lustige kleine Äuglein hatte er, und sein Schwänzchen wippte jedesmal possierlich, wenn er den Kopf beugte, um ein neues Kuchenkrümelchen zu erhaschen. Viel Freude hatte ich an dem kleinen Piepmatz.

Ein letztes Leuchten lag auf dem Rotpalfen, und die Hachelwände waren von einem seltsamen Licht umflutet, das wieder auf Regen schließen ließ. Es war ja auch ein ganz verregneter Sommer, dieser Sommer 1940. Einen Augenblick warten auf der kleinen Landungsbrücke – da kam das Boot auch schon von Salet herüber, und ich fuhr wieder hinaus nach Königssee. In der kommenden Nacht blieb es ausnahmsweise mal trocken. Am anderen Tage war dann das strahlendste Wetter, das man sich denken konnte, und die Sonne schien vom Himmel, als ob niemals dicke Wolken ihn bedeckt hätten. Für den Abend war ich mit Sepp in Bartholomä verabredet. Ich wollte mit dem letzten Boot um ½ 6 Uhr hinüberfahren. Den ganzen Tag war ich daher auf Ausruhen und Kräftesammeln bedacht, denn morgen sollte ja der große Tag sein, an dem ich durch die Ostwand gehen würde. Acht Tage an einem Fleck sitzen und nur kleine Trainingstouren machen, war für mich Vagabund ja auch schon beinahe zuviel. Als ich in Bartholomä ankam, war Sepp noch nicht da. Ich lief ihm ein wenig entgegen, in der Meinung, daß er vom Funtenseehaus kommen würde, daß er seinerzeit bewirtschaftete, und mir dann auf dem Weg begegnen müsse. Sehr erstaunt war ich, als ich mit einem Male vom See herüber aus einem kleinen Boot ein „He, hallo“ hörte. Ein Mann ruderte stehend in dem Boot über den See und winkte mir heftig zu. Ich dachte, gilt das dir?! Dann sprang ich schnell über die Wiese zum See hinunter. Es war tatsächlich der Sepp, der mich erkannt hatte und der mit seinem Boot vom Schrainbachweg nach Bartholomä ruderte. Gemeinsam setzten wir die Fahrt fort. Diese kleine Fahrt war bestimmt die schönste, die ich jemals über den Königssee gemacht habe. Mit einem leisen Glucksen fielen die Tropfen von dem Ruder in das Wasser zurück. Der See war mal tiefschwarz, mal hellgrün, die Ostwand war frei und prangte in ihrer ganzen Schönheit. Die Sonne sandte einen letzten rotgoldenen Schein über den Gipfelgrat des Watzmanns – und tiefe Stille ringsum. Alle Leute, die wir in Bartholomä noch sprachen, waren der Meinung, daß morgen nun bestimmt das schönste. Ostwandwetter werden würde. Das Nachtmahl nahmen wir zusammen in Bartholomä in dem schönen geräumigen Gasthause ein, und dann gingen wir zu der alten Holzstube hinüber, die dem Sepp als Provianthütte für das Funtenseehaus diente. Hier machten wir noch ein Feuer zum Teekochen. Bis das Wasser kochte, ging ich nochmal ganz allein zum See hinunter. Man hat hier das Gefühl, von aller Welt abgeschnitten zu sein. In hellen, kurzen Schlägen rief das Kirchlein die zehnte Stunde, und da ging ich langsam zu unserem Hüttchen zurück, erfüllt von der unaussprechlichen Ruhe und Schönheit der mich umgebenden Landschaft und der Spannung auf die morgige Bergfahrt.

Um ½ 4 Uhr wollten wir aufstehen und um 4 Uhr losgehen. Um ½ 2 Uhr nachts trommelt der Regen aufs Hüttendach! Damit hatten wir nach diesem prachtvollen Abend ja nun am allerwenigsten gerechnet. Weiterschlafen konnte ich jetzt nicht mehr. Ich lag hellwach und dachte immer, wenn es bloß aufhört, wenn es doch bloß aufhört!! Nach einer Stunde hörte das Trommeln dann wirklich auf. Um ½ 4 Uhr rasselte der Wecker. Runter vom Lager und hinaus, das war eins! Es regnete zwar nicht mehr, aber es war unnatürlich warm für eine so frühe Stunde, und dicke, schwere Wolken hingen tief am Himmel. Wir gingen jedoch um 4 Uhr los, um nicht zu früh die Flinte ins Korn zu werfen. Auf dem Firnfeld der Eiskapelle stürzte dann aber wieder das Wasser vom Himmel herunter, so daß wir in einem Affentempo zum Wald rannten und um ¼ vor 6 Uhr in dem Hüttchen landeten. Schnell ein Feuer gemacht, die nassen Sachen zum Trocknen aufgehängt und nochmal auf die Lager hinauf. Dort schliefen wir den Schlaf der Gerechten bis um ½ 8 Uhr. Der Regen hatte aufgehört, und Sepp ruderte mich wieder hinüber zum Schrainbachweg. Ich hatte mich entschlossen, mit ihm hinaufzugehen zur Funtenseehütte, und dort gutes Wetter abzuwarten. So schnell gab ich mich ja nun nicht geschlagen. Das war also am Sonntag früh. Bis zum Donnerstag war das Wetter unsicher. Ich machte allein ein paar Touren im Steinernen Meer, Hundstod, Funtenseetauern usw. Es verging aber kein Tag, an dem nicht zumindest ein Gewitter niederging, wo ich tüchtig gewaschen wurde. Als ich am Donnerstagmittag von einem kleinen Trip aus dem Baumgartl zurückkam, rief mir Sepp zu: „Packens ‚zamm, in oaner Stund steign ma ab nach Barthlmä, i moan, dös Wetter halt.“ Der Walkürenruf konnte nicht schöner klingen, als diese Worte in meinem Ohr. Schnell waren Wetterschutz und Proviant zusammengepackt, und um 4 Uhr stiegen wir ab. Zwischen Unterlahneralm und Schrainbachholzstube ging dann wieder das traditionelle Gewitter los. Aber lange nicht so heftig wie an den Vortagen, und es verzog sich auch sehr schnell, und bald schien wieder die Sonne. Meine Hoffnungen auf Schönwetter waren jedoch merklich gesunken, und als ich nachher mit Sepp im Kahn saß und wir nach Bartholomä hinüberfuhren, jagte der Sturm dicke Wolken über den See. Als wir ausstiegen, war es jedoch schon wieder ruhiger und heller. Weit und breit war kein Mensch auf Bartholomä zu sehen. Die Einheimischen hatten sich längst in ihre Wohnungen zurückgezogen. Ich saß auf einer großen Baumwurzel im See, der jetzt glatt wie ehr Spiegel dalag. Ab und zu sprang ein Fisch hoch, dann spielten eine Zeitlang kleine Kreise über der Stelle im Wasser. Sonst kein Laut. Alle Unruhe, alles Sehnen war für diese halbe Stunde von mir gewichen. Ich war ganz ruhig geworden durch all das Große, das mich umgab. Ich hätte immerzu nur dort sitzen mögen, und mir war es auch beinahe, als säße ich schon tausend Jahre dort. Es ist etwas ganz Eigenes um all die Schönheit in Bartholomä, vorausgesetzt, daß keine lärmenden Ausflügler dort sind. Der kurze, harte Schlag der Turmuhr schreckte mich aus meiner Traumverlorenheit auf. Die Unruhe kehrte zurück und mit der Unruhe das Sehnen und mit der Sehnsucht die Gedanken an die Ostwand, an den morgigen Tag. Ich begann auf das Wetter zu schauen und war wieder von all den kleinen menschlichen Sorgen erfüllt. Der Vorhang, hinter den ich in ein fernes, für uns Menschen nicht erreichbares Land hatte blicken dürfen, war wieder zugezogen. Man hat eben weiter Mensch zu sein und muß das Dasein mit all seinen Freuden und Leiden, mit seinem Hoffen und Warten, seinem Lieben und Sehnen leben und kann nicht von der vorgeschriebenen Bahn abweichen. Aber man wird stark durch dieses Nachinnenschauen. Man ist irgendwie herausgefordert und will sich um jeden Preis das vom Leben abtrotzen, das einem als Ideal vorschwebt und zu dem man sich mit allen Fasern seines Herzens hingezogen fühlt. All das Passive, in das ich vorhin durch die „Schönheit, die man nicht ergreifen kann“, verstrickt war, fiel von mir ab. Ich stand auf, reckte die Arme und war mit einem Male ganz wach. Hell und klingend, wie eine Sturmfanfare fuhr ein Wort durch meine Seele: Watzmann-Ostwand. Ich schlief sofort ein und schlief so lange, bis der Wecker um 4 Uhr sich buchstäblich selbst vom Tisch rasselte und mit einem nicht zu überhörenden Bums zu Boden fiel. Ein Sprung vom Lager, hinein in die Buxen und das Wetter betrachten, war das Werk einer halben Minute. Es war zwar warm, hatte in der Nacht jedoch nicht geregnet, und Mond und Sterne leuchteten durch die Baumwipfel. Wir frühstückten behaglich und in aller Ruhe, packten dann ebenso ruhig Proviant und Wetterschutz zusammen, schulterten die Rucksäcke, verschlossen die Hütte, faßten nochmal auf den Türdrücker, um zu sehen, ob die Tür auch ja richtig verschlossen war, und um punkt 5 Uhr marschierten wir ab. Es kam mir so vor, als ob wir mit all diesem umständlichen Tun das Eigentliche noch ein wenig hinausschieben wollten, um möglichst lange die Situation auskosten zu können, den Aufbruch vor einer großen Bergfahrt. Sepp pfiff leise das Lied vom Westerwald vor sich hin; ich ging schweigend neben ihm solange, bis die Stelle kam „über deine Wipfel pfeift der Wind so kalt, doch der erste Sonnenschein“, diese Stelle pfiff ich dann mit. Mond und Sterne verblassen langsam, die Wand liegt ohne jede Wolke frei vor uns. Wir treten aus dem Wald heraus aufs Geröll, dann auf den Lawinenkegel der Eiskapelle. Um 6 Uhr 15 Minuten haben wir die Randkluft erreicht. Im Osten steigt langsam die Sonne hinter dem Rotpalfen herauf. Gelbgrünrosarot, in allen Farbtönungen leuchtet der Himmel, bis alle Farben in flüssigem Goldglanz ertrinken. Wir haben inzwischen das Seil angelegt und haben nun für nichts anderes mehr Gedanken als für den vor uns liegenden Weg. Die Randkluft war sehr breit. Sepp schlug einige Stufen in den Firn, dann ging es erst an dem Firn hinunter und mit einem weiten Spreizschritt hinüber auf kleingriffigen Fels. Sepp war schon drüben; gerade wollte ich die Reise über die Randkluft antreten, als wir von einem Bergsteiger angerufen wurden, der weiter oben versucht hatte, die Kluft zu überschreiten, was ihm jedoch nicht geglückt war. Es war ein Wiener aus der Bergsteigerriege des OeGV. Er bat uns, ihn mithinüberzusichern. Auch ich überschritt jetzt die Randkluft, und dann holten wir den Wiener. Wir haben ihn auf seine Bitten hin nachsteigen lassen, ohne ihn mit an unser Seil zu nehmen; nur bei den schweren Stellen gab Sepp ihm Seilsicherung. Über leichten, mit Rasen durchsetzten Fels gelangten wir um ½ 8 Uhr etwa zur ersten Terrasse. Hier eine kleine Schnaufpause von 5 Minuten. Da sahen wir auf ungefähr 100 m Entfernung ein Gams äsen. Weiter! Über schmale und breitere Felsbänder, über Blöcke und Geröll gelangten wir zu einem kleinen Wandabbruch, bei dem an ausgesetzter Stelle mit wenig Griffen für die Hand ein sehr weiter Spreizschritt ausgeführt werden mußte, der Leuten mit langen Haxen kein Kopfzerbrechen macht. Aber auch ich kleine Person habe mich ebenso gedehnt – es ist unglaublich, wie lang man sich manchmal machen kann – daß ich die Stelle schnell zu meiner und Sepps Freude überwand. Ein Fußwechsel auf gleichem Standplatz, links etwas hinausfallen lassen, mit der linken Hand etwas weiter oben einen Pfundsgriff erhaschen – und hinüber ist man. Um 8 Uhr standen wir am Beginn des Schöllhornfirnes. Beinhart war der Firn. Es stieg sich gut. Die Neigung fand ich beträchtlich. Ungefähr 45-50 Grad mags sein. Als wir etwa in der Mitte des Firnfeldes angelangt waren, hörten wir mit einem Male ein Dröhnen und Poltern in der Wand, und da kamen auch schon die ersten Brocken und gar keine kleinen. Sie zischten etwa 10 in entfernt von uns den Firn hinunter. Trotzdem man weiß, daß die Wand steinfallgefährlich ist und man mit Steinen zu rechnen hat, bekommt man doch immer wieder einen Schreck.

(Fortsetzung folgt.)

Der Bergbote

Nr. 9, 3. Jahrgang, September 1951

Aus der Bergwelt

2000 Meter Fels (Zum Gedenken an Sepp Kurz +)

Von Hanna Zernickow

(Fortsetzung und Schluß)

Um 8 Uhr 45 Minuten hatten wir die Randkluft an den Schönhornplatten erreicht. Die war lange nicht so schwierig, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Gegenüber der Randkluft an der Eiskapelle war dies direkt ein Kinderspiel. Ein Schritt vom Firn auf den Fels hinüber, und schon lag die Kluft hinter uns. Schuhwechsel ! Was nun kam, war ziemlich haarig. Die Schöllhornplatten sind gar keine Platten im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern mehr Felspfeiler. Durch den vielen Regen der letzten Tage gingen gerade über unseren „Weg“ so bessere Wasserfälle herunter. Ein Ringhaken steckte in der Wand. In diesen klinkte Sepp den Karabiner ein und in diesen wiederum das Seil. Nach ein paar Metern verschwand er um die Kante. Das Seil lief glatt durch den Karabiner, und dann ertönte das Wort „Nachkommen“! Ja, alsdann packen mirs. Im Nu war ich patschnaß. Griffe und Tritte waren durch das Wasser glitschig und schmierig, da hätte man eigentlich so schnell wie möglich drüber hinweg müssen. Das ist leichter gesagt als getan. Denn ich mußte erst noch das Seil des Wieners, das er mir mit hinaufgegeben hatte, bedienen, um ihn zu sichern, und dann erst konnte ich weiter. Da stand ich nun, hielt mich mit der einen Hand an irgendeinem glitschigen Felsvorsprung „fest“ und bediente mit der anderen Hand, über die das Wasser nur so hinwegschoß, den Karabiner. Endlich war das Stück Arbeit geschafft, und ich konnte weiter klettern. Was jetzt kam, war nicht direkt Überhang zu nennen, aber man wurde vom Fels ziemlich hinausgedrängt; dabei schoß mir das Wasser zum Hals und zu den Ärmeln hinein, kurzum, diese drei, vier Meter waren ziemlich ungemütlich. Dann endlich stieg ich um die Kante herum, und nach ein paar Metern etwas. trockener Kletterei, die dadurch viel mehr Freude machte, stand ich beim Sepp. Durch die Schwierigkeit solcher Stellen wird die Sache ja erst interessant, und daß ich da wie ein begossener Pudel ankam konnte meine Freude über diese Kletterstelle nicht im geringsten beeinträchtigen. Ein paar Meter höher kamen wir zum „Zeller Loch“, eine geräumige Höhle, in der das Wandbuch hinterlegt ist. Die Schlüsselstelle hatten wir ja, nun glücklich überwunden. Hier ließen wir uns zur Frühstücksrast nieder. Wir setzten uns gemütlich zurecht, die Beine baumelten ins Leere, und während wir unsere „Brotzeit“ verzehrten, konnten wir unsere Augen auf die Reise schicken. Landschaftlich ist diese Tour wohl kaum zu überbieten. In der Tiefe der See und am Horizont in unvergleichlicher Klarheit die Berge: Wie ein blanker Silberschild die Übergossene Alm, dahinter Hochkönig, dann weiter östlich der Dachstein und südlich die Hohen und Niederen Tauern. Einzelheiten kann man ja gar nicht alle aufzählen. Nachdem wir noch schnell unsere Namen in das Buch eingetragen hatten und uns einen letzten Schluck aus der Feldflasche einverleibten, gings also weiter. Es begann jetzt ein herrliches Klettern, doch nach einer Viertelstunde etwa hörten diese Kletterstellen auf, und die Route ging mehr in ein Steigen über. Wir waren auf dem dritten Band. Das Steigen dauerte glücklicherweise nicht lange, und dann kam der Umstieg auf das vierte Band. Hier war die Welt wieder mit glatten, wasserüberronnenen Platten vernagelt: kein einziger Griff und kein rechter Tritt, nur ein ganz schmaler Riß, in dem ein paar Finger der rechten Hand Platz hatten und weit oben eine kleine Mulde für die linke Hand. Für die Füße war nichts da, und die Hände rutschten durch die Nässe aus dem Riß und aus der Mulde auch wieder heraus. Aber schließlich war ich doch über diese Stelle hinweggekommen. Wie ich es gemacht habe, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich glaube, ich habe das rechte Bein soweit gestreckt, daß es Widerstand an einem Felsblock fand, und die linke. Hand hat für einen Augenblick doch Halt in der Mulde gefunden, so daß ich den Körper hochschwingen konnte. Im selben Augenblick fand oben die rechte Hand einen vernünftigen Griff, und es war wieder einmal geschafft. Doch jetzt wird es wunderschön: nie so schwer wie die eben beschriebene Stelle und auch wieder nicht so leicht, daß es uninteressant wird. Eine Stelle muß ich noch besonders erwähnen. Sepp machte eine Bemerkung, daß wir uns jetzt eine Weile nicht verständigen könnten, ich solle gut aufpassen und achtgeben aufs Seil. Dann verschwand er um eine Ecke. Hinter dieser Kante schien der Fels überhaupt abzubrechen und ein Weiterkommen unmöglich. Sepp war aber doch vorwärtsgekommen, und da war ich mächtig gespannt, wie es nun wohl hinter dieser Kante aussehen würde. Die Wand weicht hier zurück, so daß sie mit dem bereits vor der Kante durchkletterten Teil einen spitzen Winkel bildet. Dieser nun vor mir liegende Teil war eine aalglatte Platte, die horizontal von einem Leistchen durchzogen war, auf dem die Füße, d. h. die Zehen Platz hatten, und gerade in Schulterhöhe war der Fels an einigen Stellen eingebuchtet, so daß kleine, aber feste Griffe für die Hände vorhanden waren. Nach einigen Metern brach das Leistchen ab, und man mußte sich auf einen Block hinüberschwingen, und damit lag dann die größte Exponiertheit hinter einem. Dies ist eine der schönsten Kletterstellen in der ganzen Wund, das sogenannte Kaserereck. Hier tankten wir nochmal Wasser in unsere Feldflaschen. Da rief es mit einem Male von oben herab „Bergheil!“ Ein Alleingänger aus Schwerin i. Meckl., wie wir unten im Wandbuch festgestellt hatten, turnte über uns auf einem anderen Wege herum und rief uns diesen Gruß zu. Um ½ 2 Uhr erreichten wir nach einer mit Eis- und Firnschnee angefüllten Rinne eine große, etwas geneigte Platte, auf der wir uns zur Mittagsrast niederließen. Es war die Dabelsteinplatte. Der Blick ins Land hinaus war noch viel schöner geworden, als unten beim Zeller Loch, und das Wetter war noch immer prima. Ganz klein lagen Königssee und Bartholomä zu unseren Füßen. Wir waren nun schon in der Gipfelschlucht angelangt. 700 Meter Fels. lagen noch vor uns. Es ist nicht im eigentlichen Sinne eine Schlucht, sondern es sind vielmehr eine ganze Reihe von Rissen, die Ausstiegsrisse, die zur Südspitze des Watzmanns und zum Grat hinaufleiten. Kurz unterhalb des Gipfels kam dann nochmal eine recht schwierige Stelle. Es war eine glatte senkrechte Wandstelle mit sehr kleinen Griffen, über die man sich mit ein wenig Schneid hinwegschwindeln mußte. Um 3 Uhr 55 Minuten betraten wir den Gipfel der Watzmann-Südspitze, genau 9 Stunden und 40 Minuten seit unserem Einstieg bei der unteren Randkluft an der Eiskapelle. Ich konnte es noch gar nicht begreifen, daß wir schon oben sein sollten. Aber wir waren auf dem Grat und nach ein paar Schritten auf dem Gipfel, das ließ sich nicht leugnen. Ich hatte mich so auf die Höhe der Wand eingestellt und hätte niemals geglaubt, daß wir in einer verhältnismäßig so kurzen Zeit durchkommen würden. Wir hatten, die Pausen abgerechnet, an reiner Kletterzeit 8 Stunden und 10 Minuten benötigt. Es war wirklich eine klassische Tour. Eine ganze Stunde saßen wir auf dem Gipfel und genossen die wundervolle Rundschau. Eine einzigartige Stunde war uns geschenkt, und sie wog alle die Touren auf, die ich in diesem verregneten Sommer nicht machen konnte. Bis zum Chiemsee sahen wir hinaus. Den Dachstein sah ich wieder, Ankogel, Hochalmspitze, Niedere Tauern, Glockner, Kaiser, Loferer und Leonganger Steinberge und das ganze herrliche Steinerne Meer. Um 5 Uhr stiegen wir ab. Der Wiener verabschiedete sich von uns. Er ging zum Watzmannhaus, wo seine Frau ihn erwartete, und wir zur Wimbachgrieshütte. Von Westen her wälzten sich mit unheimlicher Geschwindigkeit dicke, schwarze Wolken herüber. Es sah nach Unwetter aus, und das wollten wir auf keinen Fall auf dem Grat erleben. Also schnell abgestiegen. Um ½ 6 Uhr ging der Regen los. Nach ziemlich nassem Abstieg betraten wir um 20 Minuten nach 8 Uhr abends die Wimbachgrieshütte. Das Essen schmeckte jetzt aber – und erst das Bier! Müde waren wir noch gar nicht, denn die Tour hatte uns trotz der glühenden Hitze im Aufstieg kaum angestrengt, und so blieben wir noch ein Weilchen sitzen, erzählten uns noch dies und das von der Wand, und ich ließ das ungeheure Erleben langsam abklingen. Wir wollten uns gerade auf die Lager begeben, da trat der Schweriner in die Hütte. Wir beglückwünschten uns gegenseitig zu der gelungenen Bergfahrt, und nun mußte erst noch gemeinsam die Ostwand „begossen“ werden. Wir saßen noch ein Weilchen gemütlich beisammen, und während des Gesprächs stellte es sich heraus, daß der Schweriner ein Freund vom Dr. Kugy war. Nun fielen mir aber doch so langsam die Augen vor Müdigkeit zu. Vorm Schlafengehen ging ich nach alter Gewohnheit nochmal vor die Hütte und schaute hinauf zu den Sternen und zu „den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt“. Ein Wort von Ludwig Purtscheller ging mir dabei durch den Sinn:

„Ja, dort oben weht noch freier Weltenodem,

da grüßt die Ferne und ihre Schwester die

Sehnsucht, da fühlen wir uns als ein Teil

des Unendlichen, weil wir an dem Genusse

des Unendlichen teilnehmen.“

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