Der fünfte Weg – In der Falllinie der Gipfelschlucht

Nach den Erstbesteigungen im Winter auf dem Berchtedgadener und Münchener Weg eröffnete eine weitere Frankfurter Seilschaft einen fünften Weg in der Ostwand.

Fritz Krämer und Werner Kohn gelang am 02.08.1949 die Erstbegehung einer direkten Linie, des Frankfurter Weges.

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., November 1949 – Nr. 8

Der „Frankfurter Weg“ durch die Watzmann-Ostwand

In der Fallinie zur Giplelschlucht

Auf vier verschiedenen Wegen ist die höchste Felsenmauer der Ostalpen bislang durchstiegen worden. Respektvoll meiden alle Pfade die Fallinie. Auf dem Weg zum Gipfel wird der Körper durch die 2000 m Höhendifferenz auch, ohnehin mehr als genug beansprucht. Ernstere Schwierigkeiten bietet auf allen Wegen nur die Schlüsselstelle. Dies gilt auch für den „Salzburger Weg“ (einige Seillängen überaus).

Als der Gedanke auftauchte, in dieser Wand einen direkten Gipfelweg zu suchen, hatten wir den Fels auf verschiedenen Wegen zu allen Jahreszeiten kennengelernt. Der Winterdurchstieg im März 1949 gab uns das Vertrauen in unsere Ausdauer und Findigkeit. Trotz Föhn, Nebel und Schneefall hatten wir am Gipfel noch genügend Reserven, um den verwächteten Grat und die Schneeschwimmerei bis Wimbachbrücke am gleichen Tage mit ruhigem Gewissen zu riskieren. Die neue Route ist leicht auffindbar. Dort, wo der Münchener Weg das Salzburger Band erreicht, erhebt sich ein Turm. Stufenlos fällt, durch einen schlanken Grat senkrecht gestellt, die Wand zur Eiskapelle, einem aufrechtstehenden Dreieck ähnlich. Ein Rinnen- und Kaminsystem durchzieht den Fels, das Dreieck halbierend. In Höhe des Schöllhornfirns unterbricht ein vielleicht 45 Grad geneigter Gras- und Schroffenhang für zwei Seillängen die Senkrechte, ohne aber einen brauchbaren Rastplatz aufzuweisen.

(Fortsetzung folgt!)

Nachrichten-Blatt (der DAV Sektion Frankfurt am Main)

17./18. Jahrgang – Frankfurt. a.M., Dezember 1949 – Nr. 9

Der „Frankfurter Weg“ durch die Watzmann-Ostwand.

In der Fallinie zur Gipfelschlucht

(Fortsetzung und Schluß.)

Das große Fragezeichen war der kurz-kristallinische Ramsaudolomit. Da in ihm kein Haken sitzt, erschien es sehr fraglich, ob man an den schwersten Stellen durchkommen würde. Mit den Kameraden unserer Bergsteigergruppe machten wir zehn Tage lang schöne Fahrten in den Berchtesgadener Bergen. Dann nützten wir die erste Gelegenheit zur Eingehtur. Die direkte Westwand des Kleinen Watzmanns war der rechte Prüfstein.

Der geplante Weg entsprach in unserer Vorstellung etwa dieser Route. Bis auf die Brüchigkeit hat sich diese Annahme auch später erwiesen. Mit einer Bombenstimmung landeten mein Kamerad Fritz Krämer und ich abends in Bartholomä. Gern ließen wir uns von Frau Aschauer in das Lager für die „Ostwandler“ weisen. Für diese Einrichtung gebührt der Sektion Berchtesgaden noch ein besonderer Dank. Milde stolperten wir in der Nacht hinter dem Schein unserer Laternen zum Einstieg. Um sechs Uhr sprangen Fritz und ich, die Gummipatschen und die Eiskapelle verfluchend, in der Fallinie unseres Weges über die Randkluft. Bewundernd musterten wir die herrlichen gotischen Bogen im Schlund zwischen Eis und Fels, die teilweise bis zu 100 m freitragend In oft großem Abstand vom Fels eisig aus der Unterwelt zum Licht wuchsen. Einen heißen Tag verkündend sandte die Sonne ihre Strahlen. Bald erreichten uns die glühenden Pfeile. Zwei 40 m Seile, 25 Mauerhaken, 16 Karabiner, Hämmer. Repschnüre, Zeltsack, Verpflegung und die anderen unentbehrlichen Dinge machten sich „drückend“ bemerkbar. Direkt über einer Quelle, die in starkem Strahl waagerecht aus der Wand schießt, war der Einstieg. Zum letztenmal konnten wir trinken – wohl wissend, welche Köstlichkeit Wasser ist. Höflich fluchend mußten wir im brüchigen Dolomit aufwärts. Nicht lange, und wir verzichteten auf alle Höflichkeit. In bösem Fels schindeten wir uns durch Rinnen und Kamine. Ohne Hakensicherung ging es über bröckelnde überhänge. Hart drückte die schwere Schlosserei. Doppelt hart, weil sie durch den Dolomit fast überflüssig war. Der größte Gegner aber: die Sonne. Am glühenden Fels wurden wir langsam geröstet. Unlustig rollte die geschwollene Zunge die Pflaumenkerne. Bald war es Mittag, und noch nicht die Hälfte des neuen Weges lag unter uns. An einem leidlich schattigen Plätzchen verschnauften wir für kurze Zeit. Doch der Durst trieb uns weiter. Im stets überaus schweren Fels wurde wegen der Brüchigkeit das letzte von uns gefordert. Immer wieder wunderten wir uns, daß durch ausbrechende Griffe und abrollende Steine noch nichts passiert war. Da erwischt es mich doch. Ich stehe gespreizt in einer seichten Verschneidung, mit der linken Hand gegen den Fels gelehnt, die Rechte im Untergriff hinter einem Stein. Plötzlich löst sich der große Block. Machtlos muß ich zusehen, wie meine Zehe gequetscht wird. Gottseidank flog ich nicht hinaus. Trotzdem wurde mir ganz eklig, zumal unten die Randkluft der Eiskapelle lauerte. Endlich erreichten wir den Grashang mit einer Ausweichmöglichkeit zum Schöllhornkar. (Hier kann man vom Biwakblock auch günstig einqueren.) Aber mit zusammengebissenen Zähnen ging es müde und durstig weiter. In der rechten kaminartigen Rinne verklemmten wir uns zu einer kurzen Rast. Die stechende Sonne hatte uns zermürbt. Wohltuend wirkte der Schatten. Langsam kehrten die Lebensgeister wieder. Essen konnten wir leider nichts, der Durst nahm uns den Appetit. Hier legten wir das Doppelseil an. Aufatmend übergab ich Fritz die Schlosserei. Endlich sah der Rucksack tragbar aus. Wenn nur die geplatzte Zehe und der Durst nicht wären! Aus dem Kamin wechselten wir über die trennende Rippe an die linke Wandseite. Endlich hielten auch die Haken. „überaus oben“, wenn nicht gar „äußerst“ erschien uns diese Seillänge, Durch die Sturzhaken und das Doppelseil war die seelische Beanspruchung hier aber das geringste. Bis hierher hatte Fritz geführt. Jetzt hatte ich das „Vergnügen“. Ein saftiger Quergang, ein Überhang und wieder ein Quergang führten zu einem sehr dürftigen Stand. Langsam verblaßte die Sonne. Nur der unerträgliche Durst trieb uns noch vorwärts. Wir mußten unbedingt Wasser finden. Bis zur Biwakhöhle auf dem ersten Band war aber noch ein weiter Weg. Endlich, gegen neun Uhr, standen wir auf dem Münchener Turm, nachdem uns ein Quergang (von rechts nach links) dicht unter dessen Gipfel noch einmal den Weiterweg sperren wollte. Ehe wir die Unterbrechungsstelle erreichten, dunkelte es bereits. Da fanden wir, nachdem wir fast fünfzehn Stunden überaus harter Kletterei hinter uns hatten und durch den ausgetrockneten Gaumen, die geschwollene Zunge und die geplatzten Lippen am Ende waren, köstliches Wasser. Wie Tiere stürzten wir uns darauf. Mit welcher Gier wir tranken, kann nur der ermessen, der Ähnliches mitgemacht hat. Nach unserem Plan wollten wir in der Höhle auf dem Salzburger Band biwakieren. Da wir jedoch bereits Wasser hatten, waren wir über unser Nachtquartier im Zweifel. Unser Zögern wurde schnell beseitigt: Stimmen erklangen aus der Biwak-höhle. Dicker Nebel weckte uns am anderen Morgen. Eben sahen wir noch die beiden Berchtesgadener im Sturmschritt verschwinden, da waren auch wir munter. Ohne Frühstück, kaum angeseilt, sausten wir

los, An der Unterbrechungsstelle fielen die ersten Tropfen. Schnell wurde das Seil abgelegt, und alles warme Unterzeug im Rucksack verstaut. Lediglich mit dem Anorak bekleidet, stürmten wir weiter. Bald hatte uns der Regen völlig durchnäßt. Mit größtem Tempo schwammen wir aufwärts. Sicher fanden wir durch den dichten Nebel den Weg.

Selbst als wir die Kaminreihe wegen Steinschlagkanonaden nicht passieren konnten, blieb uns Fortuna treu. Das Band am Fuße der Kamine führte uns, nach links sanft ansteigend, in günstiges Gelände. Aus dem Eisregen wurde dicker Hagel. Die aufgeweichten Finger wollten in der Kälte nicht mehr mitmachen. Aus Sorge vor der Unterkühlung verklemmten wir uns in einer Spalte, stülpten den Zeltsack über und legten uns mit der vorher ausgezogenen Unterkleidung trocken. Bald waren wir wieder durchwärmt. Bis auf den Notproviant aßen wir unsere Vorräte zusammen. Erst als mein Gefährte zum zweitenmal auf meine Matschzehe trat, brachte uns die folgende Schimpferei wieder so in Schwung, daß wir weitersausten. Ohne Verzug ging es vom Gipfel auf der anderen Seite abwärts, Richtung Wimbachgries. Meine Zehe hübsch hochhaltend, rutschten wir nach dem Takt ellenlanger Flüche bis zur Wimbachhütte. Vor der Tür stiegen wir noch kurz in die Regentonne, um uns für den Hüttenbesuch schön zu machen. Dann schlidderten wir durch die überfüllten Räume in die Küche, dem wärmenden Herd zu. Leider hatte der Hüttenwirt für unsere Triefspur gar kein Verständnis, so daß wir kälteschlotternd aus Angst vor einer Lungenentzündung im Dauerlauf bis zum Wimbachschloß rannten. Hier wurden wir langsam wieder zu Menschen.

Den Rest der fehlenden Kalorien holten wir uns „dank unserem kreditwürdigen Auftreten“, bei Mutter Jochner in den Palvenhörnern. Sie drohte zwar wieder einmal mit mächtigen Schlägen, konnte aber nicht verhindern, daß wir noch am selben Abend mit unseren Gummischlappen zu den Kameraden auf Kühroint pilgerten, und die Hütte nicht einmal auf dem Zahnfleisch erreichten. Bis ½ 2 Uhr wurde noch tüchtig gegessen und vor allem getrunken, dann fielen uns die Augen zu, denn in den letzten vier Tagen hatten wir, alles in allem, kaum 12 Stunden geschlafen.

Werner Kohn.

 

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