Ludwig Purtscheller – Der Große Watzmann von St. Bartholomä aus

Ludwig Purtscheller beging gemeinsam mit Johann Punz als zweite Seilschaft die Ostwand des Watzmanns und fand dabei den heute gebräuchlichen Ausstieg zur Südspitze.

In der Zeitung des deutschen und österreichischen Alpenvereins des Jahres 1886 findet sich sein Bergfahrtbericht.

Zwei Bergfahrten in den Berchtesgadener Alpen
Von L. Purtscheller in Salzburg.
Der Grosse Watzmann von St. Bartholomä aus.

Die Erklimmung des Grossen Watzmann von St. Bartholomä gehört zu den bedeutendsten und interessantesten Besteigungen, die im Bereich der Ostalpen ausgeführt werden können. Würden die Berge Berchtesgadens dem eigentlichen Hochgebirge beizuzählen sein und der Sockel des Gebirgs um einige hundert Meter höher liegen, so könnte man diese Besteigung unzweifelhaft mit den grössten Hochtouren in der Schweiz, in den italienischen Alpen und im Dauphine vergleichen.

Die Mittelspitze des Watzmann, nach Waltenberger 2714 m (nach der Sp.-K. 2712 m) liegt 2112,5 m  über dem Spiegel des Königssees (601,5); Biermann (diese Zeitschrift 1879 S. 182) berechnet den Horizontalabstand des Gipfels vom Ostufer des Sees bei seiner Annahme von 2740 und 603 m auf  4300 m und danach den Elevationswinkel auf 26° 35′, das Verhältniss der Höhe zum Abstand auf 0,497. Man vergleiche auch die interessante Zusammenstellung verschiedener bei Besteigungen zu überwindender Höhenabstände in den Gesammtalpen von R. Seyerlen (Zeitschrift 1878 S. 348—350). Reiht man den Höhenunterschied von 2112 m in Seyerlen’s Daten ein, so übertrifft er die Differenz Sulden-Ortler um 52 m und rangirt zwischen jenen Sta. Caterina-Königsspitze (2118 m), Campitello-Marmolada (2108 m) und Chalets de Valsorey-Grand Combin (2125 m).

Der erste Tourist, der den Grossen Watzmann von der Südostseite erstieg, war Herr Otto Schück aus Wien. Er hatte in den Jahren 1873 und 1879 zwei ähnliche hervorragende Touren ausgeführt, nämlich die Ersteigung des Ortler über das Hochjoch und dann vom Ende der Welt-Ferner über die Ostwand, und war daher vollkommen berufen, auch dieses schwierige und kühne Unternehmen zu wagen. Der Führer Schück’s bei seiner Besteigung des Watzmann war der den Lesern der Zeitschrift wohlbekannte Johann Grill (Köderbacher) aus der Ramsau. Schück benöthigte am 6. Mai 1881 volle 14 Stunden, um auf die höchste (mittlere) Watzmannspitze zu gelangen.

Köderbacher, der als der Vater dieses Projects betrachtet werden kann, urtheilte unzweifelhaft richtig, wenn er diese Tour nur zu Anfang des Sommers, bei noch reichlich vorhandenem Winterschnee, für ausführbar hielt. Bei mangelndem Schnee, oder wenn das in den Rinnen und Schluchten lagernde Eis stark abgeschmolzen und unterhöhlt ist, erscheint es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, sich den steilen Felsmauern zu nähern und die hohen Abstürze zu überwinden.

Obschon von dieser Thatsache völlig überzeugt, beschloss ich dennoch, in Folge einer Anregung Köderbacher’s, die Ersteigung im Herbst (28. October 1883) zu versuchen.

Es war die erste Stunde nach Mitternacht, als unser Kahn, von den kräftigen Armen zweier Fährleute gelenkt, die unbewegliche, schwarze Fläche des Königssees durchfurchte. Zitternd und klar spiegelte sich in der Fluth das Licht der Gestirne, bis uns eine Nebelschichte den Anblick des Himmels und auch den Bück auf die Ufer verwehrte. In St. Bartholomä nahmen wir den Weg in das Eisthal, die bekannte in das Massiv des Watzmanns eingeschnittene Schlucht, in deren Hintergrund sich die „Eiskapelle“ befindet, eine Anhäufung von Lawinenschnee, der im Sommer allmälig in Eis verwandelt wird.

Schwarze, phantastische Felszacken, der Kamm der Hachelwand, ragen in die Lüfte und verengen mit den mächtigen Baumkronen der Buchen das Stückchen Himmel, das uns in der Wildniss den Pfad weisen sollte. Das bereifte Astwerk und das kaum wahrnehmbare Gemurmel des Eisbachs verkündete, dass die Natur bereits der winterlichen Erstarrung und Ruhe anheim gefallen war.

Nach ¾ 4 Stunden machten wir nothgedrungen eine längere Rast. Wir befanden uns in der Nähe der Eiskapelle, am Fuss der hohen Steilwände, zu deren Erkletterung wir des vollen Tageslichts bedurften. Die Kälte drängte bald zum Handeln. Meine Befürchtungen fand ich, wie ich gleich bemerken will, in vollem Maass bestätigt.

Die Eismasse, welche im Frühjahr bis zur Höhe der Felsstufen hinanreicht, hatte im Laufe des Sommers mehr als die Hälfte ihrer Mächtigkeit eingebüsst. Die Ränder des Eises waren ganz unter unterhöhlt und 2 bis 4 m von den Wänden entfernt. Im Berchtesgadener Lande erzählt man sich noch immer die Geschichte jenes Gemsjägers, der an dieser Stelle durch die dünne Eisdecke brach und in einen tiefen Schlund stürzte, aus dem er sich erst nach zweitägiger Gefangenschaft und mit der grössten Anstrengung retten konnte. Er hatte sich, als er die Oberfläche des Eises schon beinahe erreicht hatte, durch einen zweiten Fall das Bein gebrochen, vermochte sich aber dennoch mit dem Aufwand seiner letzten Kräfte aus der Spalte zu befreien. Unfähig weiter zu gehen, wäre er ohne Zweifel dem Hungertod verfallen, wenn nicht ein Knabe in St. Bartholomä das Fernrohr zufällig auf die Stelle gerichtet hätte, wo der Unglückliche lag. Aus seinen Bewegungen, die anfänglich wegen der Entfernung nicht recht gedeutet werden konnten, vermuthete man, dass es der vermisste Gemsjäger sei, der dann auch aus seiner misslichen Lage befreit wurde.

Köderbacher näherte sich vorsichtig dem Rand, um einen Uebergang ausfindig zu machen. Seine Bemühungen waren erfolglos. Wenn es auch gelungen wäre, den Raum zwischen Eis und Fels zu überspringen, die jenseitige nahezu senkrechte Wand hätte weder den Händen noch den Füssen irgend einen Halt geboten.

Die Route, die man beim Aufstieg zu verfolgen hat, ist ungeachtet des complicirten Terrains und vieler Einzelheiten unschwer festzusetzen. Man hält sich, soweit es durchführbar, in der rechts (nördlich) hinaufziehenden grossen Rinne, und nimmt im letzten Drittel der Wand, wo die Schwierigkeiten erheblich abnehmen, nach Belieben eine links- oder rechtsseitige Richtung. Wer direct auf die Mittlere Spitze gelangen will, der hat sich etwas rechts zu halten, indem er eine breite Mulde überquert und dann einer diagonal eingeschnittenen Plattenrinne folgt, die bis an die Höhe des Grats hinanreicht. Die grosse Rinne – anfänglich der einzig mögliche Weg – wird von einer Reihe senkrechter Abstürze und hoher Felsstufen unterbrochen, deren Ueberwindung eine sehr bedeutende Mühe und einen ebenso grossen Zeitaufwand erfordert.

Die Wand, welche uns den Einstieg in die Hauptrinne versperrte, musste durch eine schwierige Kletterei nach rechts um umgangen werden. Leider erforderte dieses Manöver die Zeit von 2 Stunden, wobei wir kaum mehr als eine Höhe von 50 m gewannen. In der Rinne fortsteigend, trafen wir dann ein kleines Schuttlager und hierauf wieder eine Schichte compacten Lawinenschnees, dessen Ränder ebenfalls durch eine breite unpassirbare Randkluft von der Wand getrennt waren. Die Seitenwände der Rinne erwiesen sich als ganz unersteiglich, nur rechts über uns schien eine sehr glatte, steile, überhängende Platte einen Ausweg zu eröffnen. Dort lag, es war uns dies sofort klar, die Entscheidung, der Schlüssel zu dem vor uns aufgerichteten Bollwerk. Wir mussten die Platte erklettern, oder aber die Partie als verloren aufgeben. Köderbacher versuchte, obwohl wir Beide an den Erfolg nicht glaubten, von einer kleinen Vertiefung aus auf die Platte zu gelangen, aber es war vergeblich. Ein vorspringender Fels drängte ihn immer wieder über den Abgrund hinaus. Die vergebliche, grosse Anstrengung und die Gefahr bemerkend, welcher Köderbacher sich aussetzte, bat ich ihn, von weiteren Versuchen abzustehen. Wir beriethen, ob keine Möglichkeit vorliege, den klaffenden Schlund zu übersetzen; aber der Umstand, dass noch mehrere solche Stellen zu passiren waren, wobei durch den Abgang von Schnee sich ähnliche Verhältnisse ergehen hätten, wie die eben geschilderten, dann die vorgeschrittene Stunde – es war bereits 9 ½ U. – bestimmten uns, den Rückzug anzutreten.

Wir hatten eine Höhe von ca. 2000 m erreicht. In der Tiefe zeigte sich das Eisthal und der blinkende Spiegel des Königssees; von den Randgipfeln des Hagengebirges nahmen sich besonders statt stattlich der Schneibstein und der Kahlersberg aus; rechts thürmte sich das hohe, senkrecht abstürzende Felsmassiv der Hachelwand auf, zur Linken ragten der Kleine Watzmann und der Zackengrat der Watzmann-Kinder in den Aether.

Köderbacher äusserte später, dass wir zu dreien, d. h. mit Hilfe eines zweiten Führers, die schwierige Stelle überwunden haben würden. Ich glaube jedoch, dass ein Angriff nur dann von Erfolg gewesen wäre, wenn wir eine Leiter oder eine lange Stange bei uns gehabt hätten.

Die Rückfahrt über den See und die milde Herbstsonne, die alle Dinge in vergeistigenden Glanz einhüllte und die Wände des Felsenthals mit goldenen Flecken zierte, liessen mich meinen damaligen Misserfolg leichter verschmerzen.

Am 12. Juni 1885 fand ich mich wieder mit derselben Absicht in Berchtesgaden ein. Dieses Mal lag in den Schluchten des Watzmanns noch ziemlich viel Winterschnee und ich durfte daher eher hoffen meinen Zweck zu erreichen. Je früher im Jahr die Ersteigung versucht wird, mit um so mehr Wahrscheinlichkeit kann auf Erfolg gerechnet werden. Doch hat man zu warten, bis ein Theil der Schneemassen abgeschmolzen ist, da im Frühjahr in den Schluchten des Watzmanns Lawinenstürze und Steinschläge zu den täglichen Erscheinungen gehören.

Auf dieser Fahrt war mein Begleiter Preiss (Johann Punz) von Ramsau, der mit Köderbacher zu den tüchtigsten und empfehlenswerthesten Führern der Deutschen und Oesterreichischen Alpen gehört.

Wir verliessen 11 U. 30 Nachts Berchtesgaden und langten dann nach einstündiger Fahrt über den See bei Anbruch des Tages (3 U. 15) bei der Eiskapelle an. Der Felsabsturz, der das erste Mal wegen der Randkluft mühsam umgangen werden musste, lag jetzt bis zur Hälfte im Schnee vergraben. Er wurde ohne Zeitverlust und ohne besondere Anstrengung erklettert. Eine rechts hinanziehende mit einigen Grasbüscheln bewachsene Rinne vermittelte, wenn auch sehr schwierig, die Gewinnung des nächsten Absatzes. Auf einem Schneefeld, dem ersten in der grossen Rinne, hielten wir eine kurze Rast (4 U. 55 bis 5 U. 10), um dann die hohe Wandstufe anzugehen, wo ich und Köderbacher bei unserem ersten Versuch zurückgeschlagen worden waren. Der Schnee reichte bis ¾ m an die Wand heran, aber der richtige Ausweg war nicht so bald zu entdecken. Während Preiss die Stelle noch einmal „ausprobiren“ wollte, an welcher Köderbacher seine Kraft eingesetzt hatte, stieg ich etwas zurück, um einen kleinen Einriss zu untersuchen, der sich direct an der Felswölbung hinaufzog. Auch Preiss, der unverrichteter Dinge zurückkam, meinte, dass hier die einzige Möglichkeit vorliege, emporzudringen. Die zwischen dem Schnee und der Felswand gähnende tiefe Spalte machte die Lage des Kletterers, der sich fast nur auf die Fingerspitzen verlassen konnte, zu einer gefährlichen. Der Dachsteinkalk, aus dem das Gebirge seiner Hauptmasse nach besteht, zeigt hier seine schlimmsten, abgeschliffenen Plattentafeln, und bietet ungeachtet seiner Festigkeit der Ersteigung viel grössere Schwierigkeiten dar, als der leichter verwitternde Wettersteinkalk, wie er in den westlichen Kalkketten, z. B. im Karwendel- und Wetterstein-Gebirge, auftritt.

Preiss stieg voran, aber schon nach wenigen Schritten traf er auf sehr glatte, jedes Vorsprungs bare Platten. Er erklärte, dass es ihm unmöglich sei mit den Schuhen weiterzuklettern. Da er die Hände nicht frei hatte, so entledigte ich ihn seiner Schuhbekleidung, die indessen in meinem Rucksack verwahrt wurde. Mit dem Bergstock konnte ich Preiss ein wenig unterstützen. Langsam, mit grosser Anstrengung und oft lange vergeblich nach Griffen tastend, schob er sich empor. Es waren aufregende Augenblicke, wie ich dergleichen im Gebirge selten erlebt habe. Als es ihm endlich geglückt war, einen sicheren Stand zu erreichen und Sack, Stock und Pickel aufgeseilt worden waren, folgte ich an einem Strick gehalten nach. Die Gesammthöhe der Wand dürfte ca. 15 m betragen. Es folgte nun eine Partie steiler, doch nicht schwieriger Platten und hierauf ein Felsband, welches zu einem kleinen Schneefeld führte. Hier hielten wir eine kurze Rast (6 U. 40 bis 6 U. 55).

Die gerade über uns aufragende Wand zeigte sich zwar, als wir sie in Angriff nahmen, sehr ausgewaschen und glatt, jedoch nicht sehr steil. Ein schmales Felsband, das uns aus dem Couloir lockte, endete an einem thurmhohen Absturz. Wir mussten, nachdem wir 20 Minuten auf vergebliches Recognosciren verwendet hatten, wieder auf die alte Stelle zurück und unser Heil neuerdings in der Rinne versuchen. Ein dritter sehr steiler Absatz konnte Dank der hoch anliegenden Schneemasse ziemlich leicht erklettert werden; in späterer Jahreszeit dürfte dies, wenn überhaupt, nur unter grossen Schwierigkeiten gelingen. Einem Schichtenhand zur Rechten vertrauend, liessen wir uns über eine durchnässte Platte hinab und querten (8 U. 8) ohne besondere Schwierigkeit die Hauptrinne.

Nach einem erfolglosen Angriff in linksseitiger Richtung das anfänglich breite Band endigte an einer tief eingerissenen Schlucht — nahmen wir den Weg gerade aufwärts, indem wir einen Felssporn ins Auge fassten, der wenn einmal erreicht, einen besseren Ausweg versprach. Zunächst war es aber nöthig, wieder in die grosse Rinne zurückzusteigen. Eine Wandstufe in derselben erwies sich so steil und glatt, dass wir uns zum zweiten Mal der Schuhe entledigen mussten. Ich hätte an dieser Stelle, die eine Höhe von ca. 10 m haben dürfte, beinahe einen schlimmen Fall gethan. Während ich, an einen Vorsprung gelehnt, die Bewegungen des über mir kletternden Preiss verfolgte, gab der Fels unter meinen Füssen plötzlich nach. Ich sank einen halben Meter tief, konnte aber gleich wieder Halt gewinnen. Während des Fallens ergriff ich mit der linken Hand, mehr instinctiv als überlegt, das herabhängende Seil, das Preiss sich um den Leib gebunden hatte.

Jeder andere Führer hätte mir wegen dieser Unvorsichtigkeit – denn der Ruck traf denselben völlig unerwartet – eine Rüge ertheilt. Preiss aber lächelte nur, wie er dies häufig thut, ohne ein Wort zu sagen.

Wir hielten eine zweite Frühstückrast (9 U. 55 bis 10 U. 5) und füllten unsere Flaschen mit Wasser. Im Begriff aufzubrechen, vernahmen wir plötzlich hoch über uns das Krachen fallender Steine. In Intervallen von 6 bis 8 Secunden, aber mit furchtbarem Getös näherten sie sich uns, aber nur einzelne Trümmer gelangten in unsere Nähe und sausten unschädlich an unseren Köpfen vorüber. Gleich beim ersten Geräusch drückten wir uns an die Felswand, dennoch war unsere Lage eine sehr gefährdete. Die Steine waren unzweifelhaft von Gemsen in Bewegung gesetzt worden, die auf dem Grat ihren Morgenspaziergang ausführten.

Trotz unseres unausgesetzten Anstürmens hatten wir noch keine dominirende Höhe erreicht. Der Kleine Watzmann, die Watzmann-Kinder und die Hachelwand ragten noch hoch über uns empor. Aber die Felsklippen zeigten sich allmälig weniger steil und im selben Maass besserte sich auch ihre Gangbarkeit. Die Seitenwände der Rinne wichen zurück und verflachten sich nach oben mehr und mehr. Wir kletterten ohne besondere Hindernisse auf dem erreichten Felssporn aufwärts. Die südliche Watzmannspitze, zweifellos der schönste Bau im ganzen Massiv, enthüllte uns ihren mächtig ausgreifenden mit blinkenden Schneebändem gezierten Südostgrat; aber auch die anderen Erhebungen des Watzmanngrats, thurmförmige, ruinenhafte und schuttbedeckte Felsgestalten tauchten stolz empor in den klaren Aether. Unmittelbar vor uns breitete sich die vorher erwähnte breite Mulde aus, von welcher eine steile, schräg eingeschnittene Rinne auf die Kammhöhe  (zwischen der mittleren und südlichen Spitze) hinanzog. Ich wandte mich der südlichen Spitze (Schönfeldspitze) zu, da es meine Absicht war, heute alle drei Watzmanngipfel zu ersteigen.

Unsere Richtung war von nun an eine südwestliche. Preiss wollte eben einen steilen Felsabsatz erklettern, als ich unterhalb desselben ein Band bemerkte, dessen Verfolgung einen besseren Weg zu bieten versprach. Dasselbe endete am Rand einer tief eingerissenen, glattgescheuerten, wilden Schlucht, deren rechte (südliche) Seite vom Südostgrat der Schönfeldspitze flankirt wurde.

Der diesseitige Hang der Schlucht war jedoch ohne besondere Schwierigkeiten zu begehen. Das Klettern gestaltete sich von nun an zu einer bloss unterhaltenden, wenig anstrengenden Arbeit: rasch, in einem förmlichen Wetteifer stiegen wir vorwärts. Schon tauchten dort die starren Klippen des Steinernen Meeres auf, das blinkende Firnfeld der Uebergossenen Alpe und der Hohe Göll; es wehte die kräftige und schärfere Luft der Höhe. Die beengenden Felsmauem wichen fast plötzlich zurück und der Blick fand keine Schranke mehr. Je enger und drückender unser Gesichtskreis gewesen, desto mehr überraschte uns jetzt der weite unermessliche Raum. Gleich darauf setzten wir den Fuss auf die südliche Watzmannspitze. Die letzten 50 Schritte hatten wir auf der Südseite des Gipfels zurückgelegt. Es war 1 U. Nachmittags. Die Ersteigung beanspruchte daher von St. Bartholomä, inclusive einiger kurzen Rasten, 11 Stunden.

Das Endziel unserer Partie war jedoch die mittlere Spitze des Watzmanns. Im Vergleich mit der hinter uns hegenden Kletterei erschien uns der Weg zu derselben wie ein Spaziergang. Wir blieben so nahe als möglich auf der Höhe des Grats, anfänglich auf der Süd-, später auf dessen Nordseite. Es war 3 U. 15, als wir den culminirenden Punkt des ganzen Watzmannstocks betraten.

Unsere stark angespannten Kräfte beanspruchten eine längere Rast. Der ursprüngliche Gedanke, von der mittleren. Spitze direct in das Wimbachthal abzusteigen, musste mit Rücksicht auf die späte Stunde, und da ein Freilager in den Felsen unser Project für den nächsten Tag gestört hätte, aufgegeben werden.

Der directe Abstieg von der mittleren Watzmannspitze in das Wimbachthal wurde das erste Mal 1869 von Baron v. Jeetze, Karl Hofmann aus München und Joh. Stüdl aus Prag ausgeführt. Seitdem wurde diese Tour mehrmals und vor einigen Jahren auch in umgekehrter Richtung unternommen. Die Abstürze des Watzmanns gegen das Wimbachthal zeigen in der Nähe betrachtet nicht jene ausserordentliche Neigung, die ihnen auf den ersten Anblick von unten aus eigen zu sein scheint, und die Erkletterung derselben wird geübteren Bergsteigern keine übermässige Schwierigkeit verursachen.

Der krystallklare, glanzvolle Tag und die vorzügliche durch Nichts getrübte Rundschau liess die Zeit unseres Aufenthalts rasch verfliessen. Erst nach 5 U. machten wir uns auf den Rückweg, der über das Hocheck und die Guglalpe in die Ramsau ausgeführt wurde.

Der herannahende Abend warf bereits seine dunklen, tiefvioletten Schatten in die waldernste, maienfrische Gegend hinein und die Menschen, des Tagwerks müde, waren schon in ihre Hütten zurückgekehrt. Aber hoch oben an den altersgrauen Wänden König Watzmanns glühte und funkelte es in unbeschreiblichem, geheimnissvollem, rosafarbigem Lichtglanz. Wiederholt und noch 20 Minuten nach 9 Uhr trat ich mit meinem treuen Begleiter Preiss vor die Hausthür, um ein Schauspiel zu gemessen, welches Auge, Herz und Gemüth in gleicher Weise erfreute.

 

 

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