Valentin Stanig – Gipfelsieg am grossen Watzmann

Die aus dem Jahre 1800 datierende Erstbesteigung des Watzmanns auf dessen Mittelspitze durch Valentin Stanig sei folgend in dessen Worten beschreibend wiedergegeben. Stanig berichtet an Karl Ehrenbert Freiherr von Moll über seine Erfahrungen bei den Exkursionen auf den hohen Göhl und geht dabei auch auf seinen Weg auf die Mittelspitze des Watzmanns ein.

Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins, 1881

Hier sey es mir gegönnt, auch von dieser Exkursion auf den Wazmann etwas zu melden.

Ich erreichte mit einer sehr kleinen Begleitschaft von Salzburg aus Abends den Fuss des Wazmanns, übernachtete zu Unternstein und ehe der lang erwartete Tag anbrach, waren wir schon auf dem Wege. Noch vor 10 Uhr erreichten wir auf sehr guten Fusssteige die höchsten Alpen, in der Pfalz genannt. Nach erhaltener Erquikung und ländlichem Mahle von freundlichen Aelplerinnen dar dargereicht ­gereicht dargereicht sezte unsere kleine Karavane von 5 Personen den Weg gegen die Höhe fort. Bald wird der Wazmann ganz kahl und macht dem schichternen Wanderer Bange. Nach dem sehr scharfen Rücken desselben verfolgt man den sich oft verlierenden ­Fusssteig der Wallfahrter, und wir erreichten nach 1 Uhr das Ziel der bisherigen Wazmannsersteiger.

Auf dieser Spize steht ein grosses hölzernes Kreuz, welches von dem dahin wallfahrtenden Landvolke aufgestellt wurde, und ein Kapelchen, das den Wallfahrtenden zum Altäre ihres Gebethes dienet und eigentlich nur ein Opferstock mit einem Frauenbilde ist. Die Aussicht ist schön (nur mit der des Göhls ist sie nicht zu vergleichen). Auf der westlichen Seite liegt tief unten Windbach und südöstlich in dem sehr schmalen Thale ruht der grünne Königssee.

Der Plaz auf dieser Spize ist sehr klein, so dass wir hei einer Ortsveränderung einander kaum ausweichen konnten.  Ich machte Barometrische etc. Beobachtungen; aber die zollmannisehe Scheibe konnte ich da nicht recht brauchen, besonders da mein Passionspunkt, der vor einigen Tagen zum ersten Male ganz erstiegene Grossglockner von einen gegen Süden liegenden höheren Spiz des Wazmanns verdeckt wurde.

Diesen sicher noch von keinem menschlichen Fusse betrettenen Spiz entschloss ich mich zu ersteigen. Siegesgewohnt wollte ich auch dieses stolze Horn entkränzen ohnerachtet aller Entgegenvorstellungen meiner besorgten Begleiter.

Beladen mit meinen Messinstrumenten begann ich diesen nie gegangenen Weg. Schon der Anfang war böse; denn ich musste über eine grosse steile Platte hinabglitschen, an deren Ende mich nur ein sehr kleiner Vorsprung vom Sturze in die unermessliche Tiefe errettete. Dann musste ich über ähnliche Platten wieder in die Höhe steigen, wo nur ein kleiner Fehltritt die vorige Folge nach sich gezogen hätte. Ich überstieg eine gefährliche Stelle, eine Kluft nach der andern; dachte auf besser werden und es kam nur Schlimmes nach. Bald musste ich mich, auf einen schneidigen Rücken sizend, weiter bewegen, bald wie in Lüften schwebend an steilen Wänden dahinklettern. Nun verlor ich mich aus dem nach nachstarrenden ­Gesichte der bethenden Karavane.

Oft brauchte es beinahe über übermenschlich Muth, um nicht ein Raub der Zagheit zu werden; denn meistens musste ich auf den scharfen Rücken auf allen 4 dahinkriechen, wo links und rechts tausendfach verderbender Abgrund war. Wie ein Bliz durchfuhr mich kalter Schauer, als ich bei so einem Kriechen durch ein kleines Anlehnen des Barometers das Gleichgewicht hei einem Haare bald ganz verloren hätte, welches einen Sturz gegen 400 Klafter ganz in die Scharten zwischen die auch von weiten sichtbaren Spizen der östlichen Seite des Wazmanns nach sich gezogen hätte. In dergleichen Fällen ist schnellste Fassung und Geistesgegenwart nöthig. In dem einzigen Punkte nur, wo man ist, muss die ganze Seele konzentrirt seyn. Keiner, auch der frömmste Gedanke, darf da Statt finden; sondern jeder Tritt, jeder Finger muss strenge dirigirt werden. Desswegen spreche ich meinen Gliedern immer Muth und Klugheit zu, ihnen die Nothwendigkeit vorstellend.

Dies ist der grösste meiner Vortheile, an gefährlichen Orten nicht zag zu werden.

Nun ward es etwas leidentlicher zum Steigen und ich befand mich in der sogenannten Wazmannsscharte, d. i. im tiefsten Punkte zwischen den zwei Wazmanns-Spizen. Da ward ich etwas überrascht. Eine gegen Süd hinlaufende Kluft von grösster Tiefe war vor mir und trennte eine Bergmasse von Millionen Zentnern von dem festen Bücken. An einem Orte ist ein sehr schmales Steinbrüekchen über diese Kluft, und mir blieb kein anderer Weg übrig, als diese morsche Brücke zu passiren und weiter oben, wo die Verbindung grösser wird, wieder auf festes Land zu kommen. Wirklich sezte ich mit Schichternheit über diese Kluft, weil die getrennte Masse mir zum Abfalle so reif schien, dass schon das unbedeutendste Gewicht sie zum Sturze bringen könnte !

Einst wird dieser Bergtheil hinab auf die südliche Seite des kleinen Wazmanns stürzen und Schrecken verbreiten. Nachdem ich wieder auf den festen Theil gekommen war, ward der Weg sehr steil und mit grösster Anstrengung erreichte ich über loses Gestein den höchsten Punkt des Wazmanns. Mit Erstaunen, Freude und Angst erblickten mich die Zurückgelassenen auf diesen in die Wolken stechenden Spiz. Den Grossglockner erblickte ich zwar, aber bald ward er in Wolken gehüllt. Unter sovielen erstiegenen Bergen und Spizen habe ich keine dieser ähnliche angetroffen. Ein Häufchen verwitterten Kalksteines ist der einzige Punkt, wo man sich aufhalten kann, und ich konnte mich ohne Gefahr um die aufgestellte zollm. Scheibe kaum bewegen; so klein ist der Plaz auf diesem Spize. Die gemessenen Winkel hat Herr Prof. Schiegg; und die barometrische Bemessung gab eine Höhe von ….*) Klaftern über das mittelländische Meer und bei 36 über dem Spize, wo das Kapelchen steht. Noch betbete die Karavane, und eh’ ich mich zui Rückwege aufmachte, empfahl ich mich (denn wir konnten zusammen rufen) in ihre Andacht um glückliche Rückkunft. Hier hinterliess ich drei Hölzer, die ich zur Aufstellung meines Instrumentes brauchte, und diese seyen das Kenntzeichen, dass Jemand da gewesen ist. (Die Reste seit der allgemeinen Ueberschwemmung der Erde, die einige Landleute mit gewaffneten Augen hier gesehen zu haben mich  versicherten, ­fand ich freilich nicht!)

Kaum hatte ich einige Schritte des Rückweges gemacht als es schon nicht mehr weiter wollte : Denn an der Wand wo ich herauf gekommen war, konnte ich hinab nicht und mir blieb eine Steinriese der einzige gehbare Weg. Sie war sehr steil und ich befürchtete, dass das lose Gestein durch mich in Bewegung gebracht werde. Wirklich geschah es auch so. Kaum war ich eine kleine Strecke hinabgegangen, als alles in Bewegung gerieth. Jezt war nichts anders möglich, als mich vor dem Falle zu hütten und mich gleichwohl hinabtreiben zu lassen. Hinter mir geriethen Steine in Lauf und versezten mir manches Unsanfte: Nun kam ich immer weiter und schon stürzte der grosse Schwall vor mir in den Abgrund hinab. Mit allem Kraftaufwande und Geistesgegenwart schwang ich mich im Laufe seitwärts auf ein festes Oertchen mit einen kalten  „Holla, da halte ich nicht wehr mit !“ und liess diese fatale Kameradeschaft mit fürchterlichen Getöse neben mir in den Abgrund stürzen, mich begnügend, ihr bloss mit dem Auge nachzufolgen. Nun setzte ich sorgsam den Weg weiter, und kam nach einer halben Stunde erschöpft an Kräften mit allenthalb ruinirtcn Kleidern (doch ohne Beschädigung der Instrumente !) zu der nun frohlockenden Gesellschaft wieder. Kälte  hatte indessen dieser einen längren Aufenthalt sehr erschwert, und so verliessen Wir die Wazmanns-Spize, nachdem unsere Anzahl durch 2 munteren Bauernbursche schon zuvor vermehrt worden war. Auf der Alpe waren wir wieder gutes Muths und der Klang zweier Schallmeyen brachte mehrere aus uns zum Tanze.

Da nicht nur zwei Senderinnen, sondern auch ein Frauenzimmer aus der Stadt die Wazmanns-Spize erstiegen hatten, so können Euer etc. schlossen, dass der Wazmann nicht gar zu schwer zu ersteigen seyn müsse.

Ganz munter erreichten wir noch diesen Tag Berchtolsgaden.

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